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Investieren ist ein Überlebenskampf

11. Aug.
4 Min. Lesezeit

Ein Leser fragt:


Was spricht eigentlich dagegen, sich günstig mit 5-fachen Hebel Geld zu leihen, um die eigene Rendite zu vervielfachen? Wenn ohnehin jeder Anleger langfristig nur die Marktrendite verdient, was ist dann überhaupt der Sinn des reinen Investierens? Ich bin jung und habe viel Zeit, einen Rückschlag wieder aufzuholen. Warum also nicht riskieren, während gerade so viele Menschen schnell reich werden und ich noch keine Verpflichtungen habe?


Die Frage erreichte mich nur wenige Tage bevor Leopold Aschenbrenners Situational Awareness Fonds beinahe komplett unterging.


Kurz zur Einordnung, falls Ihnen der Name noch nicht begegnet ist


Leopold Aschenbrenner ist ein deutscher KI-Forscher, der bis 2024 im sogenannten Superalignment-Team von OpenAI arbeitete. Kurz darauf veröffentlichte er unter dem Titel „Situational Awareness“ einen vielbeachteten Aufsatz über die kommende Entwicklung der künstlichen Intelligenz, der ihn in der Tech-Szene praktisch über Nacht bekannt machte. Noch im selben Jahr gründete er unter demselben Namen einen eigenen Hedgefonds, der gezielt auf Aktien aus dem Umfeld der KI-Infrastruktur setzte, etwa Speicherchip- und Rechenzentrumsunternehmen.


Und nun zur Story und deren Bedeutung für Sie…



Vom Shooting Star zum Fallbeispiel


Was in den vergangenen Wochen mit diesem Fonds passiert ist, liest sich wie ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie Hebel aus einer richtigen Idee trotzdem ein Desaster machen kann.


Aschenbrenners Fonds „Situational Awareness“ verwaltete im März dieses Jahres rund 9 Milliarden Dollar. Bis Anfang Juli war dieser Wert auf etwa 45 Milliarden Dollar gestiegen, begünstigt durch eine Rendite von rund 439% seit Auflage.


Nur wenige Wochen später, Ende Juli, waren davon nur noch rund 10 Milliarden Dollar übrig.


Der Finanzautor Marc Rubenstein hat diesen Verlauf über die drei Monate in einer Grafik anschaulich zusammengefasst:


 

Um seine Positionen zu vergrößern, hat der Fonds Berichten des Wall Street Journal zufolge für jeden Dollar eigenes Kapital zusätzlich 3 bis 4 Dollar an Krediten aufgenommen, in einigen Fällen sogar mehr.


Als mehrere KI-Infrastrukturwerte im Depot, darunter SK Hynix, CoreWeave und Micron, im Juli zwischen rund 30% und 60% an Wert verloren, reichte das aus, um die drei Prime Broker des Fonds, Goldman Sachs, JPMorgan Chase und Bank of America, zu Nachschussforderungen zu zwingen.


Da sich der geforderte Kapitalnachschub nicht rechtzeitig aufbringen ließ, blieb am Ende nur der Notverkauf: Der gesamte öffentlich gehandelte Aktienbestand des Fonds ging in einem einzigen Block an Ken Griffins Citadel, mit einem spürbaren Abschlag gegenüber dem Marktpreis.



Die Mathematik des Hebels


Genau dieses Prinzip habe ich meinem Blogbeitrag und Newsletter über den südkoreanischen Boommarkt (hier um Beitrag) bereits an einem anderen Beispiel gezeigt. Ein Hebel vergrößert Gewinne und Verluste gleichermaßen, aber nicht symmetrisch für Ihr Eigenkapital.


Bei einem 4-fachen Hebel, wie ihn Aschenbrenners Fonds eingesetzt hat, stehen einem Dollar Eigenkapital 4 Dollar Fremdkapital gegenüber, zusammen also 5 Dollar investiertes Kapital. Fällt der Wert dieser Position um 20%, verlieren Sie nicht 20% Ihres Eigenkapitals, sondern alles (5 × 20% = 100%). Ihr Konto ist ausgelöscht, obwohl der zugrunde liegende Vermögenswert immer noch 80% seines ursprünglichen Werts besitzt.


Charlie Munger, langjähriger Partner von Warren Buffett, hat genau diesen Mechanismus einmal auf einen einzigen Satz verdichtet:


Es gebe nur 3 Wege, wie ein kluger Mensch pleitegehen könne: "Liquor, ladies and leverage“. Auf Deutsch sinngemäß: Alkohol, Frauen und Hebel.


Der Scherz dahinter hat einen ernsten Kern. Die ersten beiden nannte er vor allem, weil sie ebenfalls mit L beginnen. Gemeint war eigentlich nur der dritte Punkt. Selbst überdurchschnittlich kluge und erfahrene Investoren, wie es auf Aschenbrenner zweifellos zutrifft, sind vor dieser einen Schwäche nicht gefeit.


Das eigentliche Problem ist dabei gar nicht in erster Linie die Marktbewegung selbst. Die meisten der betroffenen KI-Aktien lagen trotz der Kursrückgänge im Juli auf Sicht von 12 bis 18 Monaten immer noch deutlich im Plus.


Ohne Hebel hätte es in dieser Situation keinen zwingenden Grund gegeben, überhaupt zu verkaufen. Das eigentliche Problem ist der Zwang: Sobald ein Broker eine Nachschussforderung stellt, entscheiden nicht mehr Sie, wann verkauft wird, sondern der Broker, und zwar zu dem Zeitpunkt, der für Sie am ungünstigsten ist.



Was das für Ihre eigene Praxis bedeutet


Privatanleger sollten auf kreditfinanzierte Käufe jeglicher Wertpapieranlage verzichten. Warum?


Erstens: Sie geben die Kontrolle über den Verkaufszeitpunkt ab. Ohne Kredit & Hebel entscheiden Sie, wann Sie verkaufen. Mit Hebel entscheidet im Zweifel Ihr Broker und zwar genau dann, wenn die Kurse am ungünstigsten stehen.


Zweitens: Selbst eine richtige Markteinschätzung schützt Sie nicht. Aschenbrenner lag mit seiner längerfristigen Sicht auf viele KI-Werte vermutlich nicht einmal falsch, wie die Kursentwicklung der betroffenen Aktien über zwölf bis achtzehn Monate zeigt. Der Hebel hat ihn trotzdem aus der Position gezwungen, bevor sich diese These auszahlen konnte.


Drittens: Das Verhältnis zwischen möglichem Zusatzgewinn und dem Risiko eines Totalverlusts ist bei Hebelprodukten strukturell ungünstig. Die Aussicht, eine ohnehin solide Marktrendite zu verdoppeln oder zu verdreifachen, wiegt das Risiko nicht auf, dabei das gesamte eingesetzte Kapital zu verlieren.


Viertens: Wer ohne Kredit investiert, bleibt automatisch länger im Markt investiert und genau diese Zeit im Markt, nicht der Hebel, ist der eigentliche Treiber des langfristigen Vermögensaufbaus.


Bauen Sie Ihr Vermögen mit eigenem Kapital auf, nicht mit geliehenem. Wenn Sie mehr investieren möchten, sparen Sie mehr oder erhöhen Sie schrittweise Ihre Sparrate, statt die vorhandene Summe künstlich zu vervielfachen.


Wer möchte, dass sein Kapital über Jahrzehnte arbeitet, sollte sich weniger fragen, wie er die nächste große Chance findet, sondern wie er sicherstellt, in jedem Szenario im Spiel zu bleiben.

 
 
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