Wie bleibt man in einer Boomphase investiert?

Vor Kurzem hat mir ein Leser eine Frage gestellt, die vermutlich viele von Ihnen in den vergangenen Monaten ähnlich beschäftigt hat:
Wie bleibt man in einer Boomphase investiert, ohne zu ignorieren, dass auf jeden Boom irgendwann ein Rückschlag folgt?
Die Angst, etwas zu verpassen, und die Angst vor Verlusten ziehen dabei in genau entgegengesetzte Richtungen, und genau das macht diese Marktphase für viele Anleger so unangenehm.
Die wichtigste Regel für Boomphasen lautet nicht, den perfekten Ausstiegszeitpunkt zu finden. Sie lautet, sich nicht in eine Position zu bringen, in der Sie zum gezwungenen Verkäufer werden, sobald sich die Richtung dreht.
Warren Buffett hat den Grundgedanken einmal so zusammengefasst:
„Erst wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer ohne Badehose geschwommen ist.“
Das lässt sich unmittelbar auf jede Boomphase übertragen. Wer sich fragt, ob die eigene Positionierung eigentlich noch zur eigenen Risikobereitschaft passt, sollte sich diese Frage stellen, während die Kurse noch hoch stehen, nicht erst danach.
Fallbeispiel: Südkoreas Aktienmarkt und der KI-Hype
Kaum ein Markt zeigt das Muster gerade so deutlich wie Südkorea. Die beiden Schwergewichte SK Hynix und Samsung, die zusammen rund die Hälfte des südkoreanischen Aktienmarkts ausmachen, haben von der weltweiten Nachfrage nach KI-Speicherchips profitiert und sind regelrecht durch die Decke gegangen.
Konkrete Zahlen: Der südkoreanische Aktienmarkt ist in den vergangenen zwölf Monaten um mehr als 130 Prozent gestiegen, in den letzten Wochen jedoch um bis zu 25 Prozent gefallen. Gleichzeitig ist die Marginverschuldung südkoreanischer Anleger auf ein Rekordhoch gestiegen.
Die Nutzung gehebelter ETFs war zuletzt so ausgeprägt, dass die Aufsichtsbehörden die Margin-Anforderungen verdreifacht haben, um die Entwicklung einzudämmen.
Bei Marginverschuldung leiht sich ein Anleger Geld von seinem Broker, um mehr Aktien zu kaufen, als das eigene Kapital hergibt, wobei die gekauften Wertpapiere selbst als Sicherheit dienen. Wird der Verlust zu groß, kann der Broker zusätzliche Sicherheiten verlangen oder Positionen zwangsweise verkaufen.
Gehebelte ETFs bilden nicht die einfache, sondern ein Vielfaches der Tagesbewegung eines Index oder einer Aktie ab, meist das Zwei- oder Dreifache, nach oben wie nach unten. In beiden Fällen werden Gewinne in guten Phasen vergrößert, Verluste in schlechten Phasen aber genauso.
Ein Beispiel
Reuters hat vor Kurzem mehrere neue Trader in Südkorea porträtiert, und eine der Geschichten fasst das Muster gut zusammen:
Ein 24-jähriger Student aus Seoul hatte das Geld, das er während seines Wehrdienstes gespart hatte, umgerechnet rund 13.500 Dollar, über einen Kredit mit fünffachem Hebel zwischenzeitlich auf das 15-Fache vermehrt, umgerechnet knapp 203.000 Dollar.
Als der Markt im Mai heftig schwankte, lösten Zwangsverkäufe seines Brokers die gesamten Gewinne innerhalb von vier Wochen wieder auf, sein Konto fiel unter seinen ursprünglichen Einsatz.
Trotzdem plant er, sobald er wieder genug Kapital hat, erneut mit Kredit zu handeln, weil ihm die Aussicht auf schnellen Vermögensaufbau durch Hebelwirkung offenbar wichtiger erscheint als die Erfahrung, die er gerade gemacht hat.
Das ist die andere, oft übersehene Seite von FOMO: Sie treibt Menschen nicht nur dazu, überteuerte Aktien zu kaufen, sondern zusätzlich dazu, ihre Position zu hebeln, und das ausgerechnet in dem Moment, in dem das Verhältnis von Risiko und Ertrag am ungünstigsten ist.
Was können Sie konkret tun?
Bevor Sie die nächste Entscheidung treffen, während viele Aktienmärkte weiterhin in Reichweite ihrer Allzeithochs liegen, stellen Sie sich die folgenden vier Fragen:
Erstens: Sind Sie ausreichend diversifiziert? Technologieaktien machen inzwischen einen wachsenden Anteil sowohl am US-amerikanischen als auch am globalen Aktienmarkt aus. Diversifikation lässt sich zudem deutlich zuverlässiger umsetzen als Markttiming.
Zweitens: Haben Sie einen Plan, dem Sie folgen können, egal was passiert? Wenn Sie vorab festlegen, was Sie in welchem Szenario tun, nehmen Sie sich einen Großteil der emotionalen Entscheidung in genau dem Moment ab, in dem es darauf ankommt.
Drittens: Gehen Sie gerade zu viel Risiko ein? Viele Aktienmärkte notieren aktuell nur wenige Prozent unter ihren Allzeithochs. Das ist ein guter Zeitpunkt, um zu prüfen, ob aus einer ursprünglich 60 zu 40 aufgeteilten Anlage (Risiko – Sicherheit) über die Zeit unbemerkt eine 75 zu 25 Aufteilung geworden ist, einfach weil die Aktienquote durch die Kursgewinne gestiegen ist.
Viertens: Können Sie Ihre Emotionen kontrollieren?
Die eigentliche Herausforderung während eines Booms ist, dass die Aussicht auf weitere Gewinne und die Angst vor Verlusten gleichzeitig auf Sie einwirken. Erst im Rückblick wird klar sein, wie sich dieser Zyklus tatsächlich aufgelöst hat.
Etwas Demut ist an dieser Stelle mehr wert als eine vermeintlich sichere Prognose.
Nehmen Sie sich am Wochenende 20 Minuten Zeit und beantworten Sie die 4 Fragen oben konkret für Ihr eigenes Depot, am besten schriftlich.
Falls Sie dabei feststellen, dass sich Ihre Aktienquote in den letzten 12 Monaten spürbar verschoben hat, lohnt sich ein Blick auf Ihren ursprünglichen Plan und Ihre anvisierte Aufteilung zwischen Risiko und Sicherheit.
Ob der aktuelle Boom bei KI- und Speicherchip-Aktien in einer sanften Korrektur oder in etwas Größerem endet, weiß im Moment niemand, auch nicht diejenigen, die am lautesten eine Meinung dazu vertreten.
Was Sie aber schon heute tun können, ist sicherzustellen, dass Sie so oder so handlungsfähig bleiben, statt zum gezwungenen Verkäufer zu werden, wenn sich die Richtung einmal dreht.


