top of page

$1,1 Billionen Zusagen, $20 Milliarden Umsatz: Wer bezahlt die KI-Rechnung?

5. Sept.
5 Min. Lesezeit


Der aktuelle Bullenmarkt wird hauptsächlich durch den Ausbau der künstlichen Intelligenz getragen. Damit zusammen hängen enorme Investitionen der größten Unternehmen der Welt in Datenzentren, Chips, Speichertechnologie, Kühlsysteme, Energie und alles anderem, das zum KI Universum zählt.


Ich habe mich in den letzten Tagen mit folgender Kernfrage beschäftigt:


Wer bezahlt eigentlich die Rechnung für den größten Investitionsboom der jüngeren Wirtschaftsgeschichte und was passiert, wenn diese Rechnung nicht aufgeht?


Niemand weiß, ob diese Wette aufgeht. Niemand weiß, ob bzw. wann es zu einem Rücksetzer am Markt kommen wird. Was Sie aber tun können, ist Ihr Depot so aufzustellen, dass Sie es gar nicht wissen müssen.


Dazu am Ende 4 klare Empfehlungen.



Was diesen KI-Bullenmarkt trägt


Um die Problematik zu verstehen, muss man zunächst eine einfache Frage beantworten:


Wie viel von dem, was die großen Technologiekonzerne aktuell als „KI-Umsatz" feiern, kommt tatsächlich von vielen breit gestreuten Endkunden und wie viel davon kommt von nur einigen wenigen Unternehmen?


Microsoft hat diese Frage kürzlich ungewollt beantwortet. Im Jahresbericht für das am 30. Juni 2026 endende Geschäftsjahr legte der Konzern erstmals offen, wie viel Umsatz er konkret mit OpenAI erzielt: 24,1 Milliarden US-Dollar aus kommerziellen Vereinbarungen inklusive Umsatzbeteiligung. Zusätzlich bestehen 6 Milliarden US-Dollar an offenen Forderungen gegenüber OpenAI zum Bilanzstichtag.


Nach Berechnungen von Bloomberg entspricht das rund 70% der gesamten von Microsoft ausgewiesenen KI-Umsätze.


Von jedem Dollar KI-Umsatz, den Microsoft ausweist, stammen rund 70 Cent von einem einzigen Kunden (OpenAI), der selbst noch kein profitables Geschäftsmodell hat. Microsofts gesamter Konzernumsatz im Geschäftsjahr 2026 (Juli 2025 bis Juni 2026) lag bei rund 331,8 Milliarden US-Dollar.


OpenAI macht damit bereits gut 7% des gesamten Konzernumsatzes aus. Zugleich entfallen laut Unternehmensangaben rund 45% von Microsofts kommerziellem Cloud-Auftragsbestand auf Verpflichtungen gegenüber OpenAI.


Das ist für sich genommen noch kein Alarmsignal.


Aber es zeigt ein Muster, das sich bei Google, Amazon und Oracle in ähnlicher Form wiederholt: Ein erheblicher Teil des „KI-Wachstums" der Hyperscaler entsteht nicht durch tausende neue, zahlende Endkunden, sondern durch die enormen Ausgaben von zwei Unternehmen, OpenAI und Anthropic, die selbst noch keinen Gewinn erwirtschaften und ihr Wachstum größtenteils über frisches Kapital finanzieren.


 

Die Zirkularität, an einem einfachen Beispiel erklärt


Hier folgt nun die sogenannte „Zirkularität der Finanzierung“.


Vereinfacht dargestellt, funktioniert der Kreislauf so:


Nvidia verkauft Chips an Cloud-Anbieter wie Microsoft, Oracle oder spezialisierte „Neoclouds" wie CoreWeave.


Diese Anbieter bauen damit Rechenzentren, die sie an OpenAI und Anthropic vermieten.


Damit sich diese beiden Unternehmen das leisten können, investieren dieselben Chip- und Cloud-Anbieter, allen voran Nvidia, aber auch Microsoft und Amazon, gleichzeitig direkt als Kapitalgeber in genau diese KI-Labore und teils sogar in die Cloud-Anbieter selbst. Zusätzlich least Nvidia eigene Rechenkapazität zurück.


Das eigentliche Problem dieser Struktur ist nicht, dass hier kein echtes Geld fließt, das tut es durchaus.


Das Problem ist, dass es schwer wird zu unterscheiden, wie viel der gemeldeten „Nachfrage nach KI-Rechenleistung" von unabhängigen Endkunden kommt und wie viel davon entsteht, weil Kapitalgeber gleichzeitig Lieferant, Investor und Kunde derselben Wertschöpfungskette sind.

 


Die Kapitalfrage: 1,1 Billionen Dollar Zusagen gegen 20 Milliarden Dollar Umsatz


Die dritte Zahl, die man kennen sollte, betrifft nicht Microsoft, sondern OpenAI selbst.


Über die vergangenen zwei Jahre hat sich das Unternehmen zu Infrastruktur-Investitionen verpflichtet, deren addierter Wert je nach Zählweise und Zeitpunkt zwischen rund 1,1 und 1,4 Billionen US-Dollar liegt. Diese Verpflichtungen verteilen sich auf Verträge unter anderem mit Oracle, Microsoft, Nvidia, Broadcom, AMD, Amazon und CoreWeave, mit Laufzeiten teils bis in die 2030er-Jahre hinein.


Diesen Zusagen stand Ende 2025 ein Jahresumsatz („annualized revenue run rate") von rund 20 Milliarden US-Dollar gegenüber. Die Zusagen sind über 50 Mal so groß wie der Umsatz von 2025.


Die Frage ist: kann OpenAI seine Verpflichtungen überhaupt erfüllen?


Das ginge nur, wenn sich die Umsätze exorbitant entwickeln und/oder weiterhin zusätzliches Kapital aufgenommen werden kann. Das ist alles möglich, einfach wird das aber keinesfalls.


Zudem ist die Definition des Jahresumsatzes selbst umstritten: Anders als bei klassischen Software-Abonnements handelt es sich bei einem Großteil dieser Umsätze um hochgerechnete Ausgaben für einzelne Rechenoperationen ("Tokens"), die von Monat zu Monat stark schwanken können. Es sind keine vertraglich fest zugesagte, wiederkehrende Einnahmen.

 


Was wäre, wenn die Rechnung nicht aufgeht?


Ich denke es gibt vier Ereignisse, die als Signal für das Ende des Bullenmarktes gelten könnten:


(1) Ein Hyperscaler (Microsoft, Amazon, Google, Meta…), der sein Investitionsbudget deutlich zurückfährt.

(2) Die Herabstufung der Kreditwürdigkeit eines großen Beteiligten wie Meta.

(3) Die Zahlungsunfähigkeit eines eng mit dem KI-Thema verbundenen Unternehmens.

(4) Ein Börsengang von OpenAI oder Anthropic, der an der Börse schlecht aufgenommen wird.


Sollte eines dieser Ereignisse eintreten, dann kann es an der Börse für Tech-Werte sehr schnell abwärts gehen.


Ein zusätzlicher Aspekt, der beachtet werden sollte und das Risiko auf den Gesamtmarkt ausweitet:


Ein wachsender Teil der Finanzierung der Rechenzentren läuft mittlerweile nicht mehr über die Bilanzen der Hyperscaler selbst, sondern über sogenannte Privatkredite. Das ist Fremdkapital von Versicherungen, Pensionskassen und spezialisierten Kreditfonds, die außerhalb der klassischen Anleihemärkte und mit deutlich weniger Transparenz vergeben werden. Diese Verflechtung würde eine mögliche Korrektur nicht auf Technologieaktien begrenzen, sondern auch Teile des Kredit- und Versicherungsmarkts treffen.


Auf der anderen Seite muss man sich klarmachen, dass die Gewinnmargen bei Nvidia weiterhin bei über 70% liegen, der Gewinn um 126% gestiegen ist und die Aktie aktuell bei etwa dem 18-Fachen der erwarteten Gewinne gehandelt wird. Das ist deutlich unterhalb klassischer Blasen-Bewertungen. Z

udem wird ein erheblicher Teil der Rechenzentrumskapazität real gebaut und tatsächlich genutzt.

 


Was das für Sie als Anleger bedeutet


Ob und wann dieser durch künstliche Intelligenz getriebene Bullenmarkt endet, weiß niemand. Am Kapitalmarkt investiert zu sein, bleibt trotzdem die verlässlichste Grundlage, wenn Sie langfristig Vermögen aufbauen wollen. Die Frage ist also nicht, ob Sie investiert bleiben sollten, sondern wie Sie sich positionieren, damit Sie ein möglicher Rücksetzer nicht zu sehr trifft.


Konkret sollten Sie auf 4 Dinge achten:


Erstens: Bereiten Sie sich psychologisch auf Rücksetzer vor. Deutliche Kursrückgänge gehören selbst in intakten Bullenmärkten zur Normalität, nicht zur Ausnahme.


Zweitens: Halten Sie nicht einseitig Technologie & KI Werte. Neben breit gestreuten (Weltmarkt)Index-ETFs, sollten Sie über ETFs in etablierte Unternehmen mit stabilen Bilanzen investieren, die ihre Dividende seit vielen Jahren regelmäßig erhöht haben.


Drittens: Halten Sie eine Reserve in Geldmarkt-ETFs oder Festgeld, die Sie im Fall eines Rückgangs gezielt nutzen. Diese Reserve dient nicht nur dazu, laufende Ausgaben zu decken, sondern auch dazu, bei deutlich gefallenen Kursen gezielt nachzukaufen.


Viertens: Legen Sie sich eine feste Bandbreite für Ihre Aktienquote fest und halten Sie sich daran. Haben Sie sich zum Beispiel eine Zielquote von 70% Aktien ETFs gesetzt, mit einer Toleranz von +/- 5% Punkten, dann ist ein Anstieg auf 80% durch Kursgewinne ein klares Verkaufssignal. Reduzieren Sie diesen Anteil um rund 10% Punkte, um wieder auf 70% zu landen und legen Sie das freigewordene Kapital in sichere Anlagen an.


Diese Regel schützt Sie vor der Gier, die in Boomphasen dazu führt, dass Anleger immer später und immer konzentrierter in die am stärksten gestiegenen Positionen investieren.


Nehmen Sie sich heute die Zeit, Ihr Depot so aufzustellen, dass Sie unabhängig vom Ausgang der KI-Debatte handlungsfähig bleiben.

 
 
bottom of page