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Wenn 10% Kursrückgang ein Jahresgehalt sind muss man das mental aushalten können

11. Sept.
3 Min. Lesezeit

Vor Kurzem hat mir ein Leser geschrieben, dass er seit 25 Jahren ohne Unterbrechung monatlich investiere.


Er habe sowohl das Platzen der Dotcom-Blase als auch die Finanzkrise 2008 durchgestanden und bezeichnet sich selbst als emotionslosen Sparer. Sein aktuelles Problem: Weil er so lange und konsequent investiert habe, bedeute ein gewöhnlicher Rücksetzer von 10% inzwischen einen Betrag, der sein gesamtes Jahresnettogehalt übersteige.

 

Seine Frage lässt sich so zusammenfassen:


Wie geht man mental mit dem Übergang von der frühen Ansparphase zur späteren „Zinseszins-Phase“, bei der es um signifikante und immer größer werdende Beträge geht, um?

 

Mir gefällt diese Frage, weil sie zeigt, dass es für Anleger einen natürlichen Lebenszyklus gibt.

 


Risiko bedeutet für verschiedene Anleger in unterschiedlichen Lebensphasen jeweils etwas anderes.


Anleger mittleren Alters (40-55) werden bei der Anlageberatung ignoriert und übersehen.


Für den Vermögensaufbau in jungen Jahren gibt es unzählige Ratgeber: sparen, Schulden abbauen, früh investieren. Für den Ruhestand gibt es ebenfalls reichlich Material, etwa zur Vermögensstruktur oder Entnahmestrategie.


Für die Phase dazwischen gibt es auffallend wenig.


Genau in dieser mittleren Lebensphase, oft als „Sandwich-Generation“ bezeichnet, treffen zwei Dinge gleichzeitig zu, die Finanzplanung herausfordernd machen:


Einerseits stehen Sie meist auf dem Höhepunkt Ihres Einkommens und investieren weiter. Andererseits wachsen auch die Verpflichtungen, etwa durch Kinder, deren Ausbildung oder die Versorgung der eigenen Eltern.


Wer über Jahre hinweg gespart und investiert hat, setzt bei Marktturbulenzen deutlich mehr Kapital aufs Spiel. Die finanziellen Verluste schmerzen dann weitaus stärker.


 

Das eigentliche Problem ist die Summe hinter der Prozentzahl


Ein einfaches Rechenbeispiel: Eine Person Mitte zwanzig beginnt heute damit, monatlich 500 Euro zu investieren, über einen Anlagehorizont von 40 Jahren, bis kurz vor dem eigenen Ruhestand. Angenommen wird eine Rendite von 7% pro Jahr, die grob der langfristigen Durchschnittsrendite von globalen Aktienmärkten entspricht.


So entwickelt sich das Depot:


Nach

Eigene Einzahlungen

Depotwert

Sparanteil

Rendite-Anteil

Rückgang bei −10%

10 Jahren

60.000 €

85.500 €

70,2%

29,8%

8.550 €

20 Jahren

120.000 €

253.800 €

47,3%

52,7%

25.400 €

30 Jahren

180.000 €

584.700 €

30,8%

69,2%

58.500 €

40 Jahren

240.000 €

1.235.800 €

19,4%

80,6%

123.600 €

 

Zwei Zahlen in dieser Tabelle entwickeln sich gegenläufig:


Nach 10 Jahren stammen 70,2% des Depotwerts aus eigenen Einzahlungen, die Rendite (das Kurswachstum) trägt nur 29,8% bei.


Nach 40 Jahren hat sich das Verhältnis umgedreht: Nur noch 19,4% des Depotwerts sind eigenes eingezahltes Geld, 80,6% sind reine Rendite. Der Sparanteil schrumpft, der Rendite-Anteil wächst Jahr für Jahr.


Dieser wachsende Rendite-Anteil sorgt dafür, dass sich derselbe prozentuale Rückgang in immer größeren Eurobeträgen niederschlägt: Ein Minus von 10% entspricht nach 10 Jahren 8.550 €, nach 40 Jahren aber 123.600 €, obwohl das Risiko in beiden Fällen exakt gleich ist.



Warum der Wertzuwachs am Ende regelrecht explodiert


Der Zinseszinseffekt wirkt zeitversetzt. Schauen wir uns das Beispiel in Abschnitten von jeweils 10 Jahren an:

Jahrzehnt

Einzahlungen in diesem Jahrzehnt

Wertzuwachs in diesem Jahrzehnt

davon reine Rendite

Jahre 1–10

60.000 €

85.500 €

25.500 €

Jahre 11–20

60.000 €

168.200 €

108.200 €

Jahre 21–30

60.000 €

331.000 €

271.000 €

Jahre 31–40

60.000 €

651.000 €

591.000 €

 

In jedem Jahrzehnt wird derselbe Betrag eingezahlt, 60.000 Euro. Der Wertzuwachs pro Jahrzehnt steigt von 85.500 Euro auf zuletzt 651.000 Euro, weil die Rendite im letzten Jahrzehnt allein rund 591.000 Euro beisteuert.


Das ist mehr als der gesamte Wertzuwachs der ersten drei Jahrzehnte zusammen.


 

Was bedeutet das für Sie?


Hier ist die Frage, die Sie sich als Anleger mittleren Alters stellen sollten:


Können Sie die höheren Schwankungen in absoluten Zahlen emotional aushalten oder beunruhigt Sie das?


Falls Sie damit klarkommen, dann müssen Sie nichts weiter tun, als sich zu vergegenwärtigen, dass das Risiko dasselbe geblieben ist (wie in den Anfangsjahren). Eine prozentuale Schwankung bedeutet eben „nur“, dass es heute um mehr Geld geht. Das gilt aber in beide Richtungen, nicht nur bei Rücksetzern. Ihre Kursgewinne in absoluten Zahlen werden signifikant sein, wenn der Markt steigt. So wie er das mit durchschnittlich 13% pro Jahr in den letzten 10 Jahren getan hat (MSCI World Index).


Falls Sie große Schwankungen in absoluten Zahlen beunruhigen, dann können Sie Ihre Bezugsgröße ändern: Anstatt auf den absoluten Depotwert zu schauen, achten Sie auf Ihre Zielgrößen bzw. Bandbreiten für Ihren Renditeteil (Aktien, Gold, Krypto etc.) bzw. Ihren Sicherheitsteil (Geldmarkt, Festgeld etc.).

Befinden sich Ihre Anlagen innerhalb der Bandbreiten, müssen Sie nichts tun.


Ein andere Bezugsgröße: rechnen Sie aus, wie viele Jahre laufender Ausgaben Ihr Depot schon abdeckt.


Diese Zahlen bewegen sich viel langsamer als Ihr Depotstand und könnten Ihnen so die nötige Ruhe geben.


Eine letzte und pragmatische Lösung: schauen Sie einfach seltener in Ihr Depot. Das ist übrigens überraschender Weise oftmals der beste Weg zum Erfolg.


Was auch immer Sie machen, bleiben Sie investiert. Wenn Sie ein Portfolio und eine Strategie haben, die zu Ihrer Lebenssituation und Ihren Zielen passt, müssen Sie sich keine Sorgen machen.

 
 
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