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70% Aktien, 30% Geldmarkt: So entnehmen Sie im Ruhestand richtig

  • vor 6 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit


Ein Leser hat mir eine Frage gestellt, die früher oder später die meisten von Ihnen beschäftigen wird, die diszipliniert ein Depot aufgebaut haben.


Er hält gut 70% seines Portfolios in Aktien-ETFs und die restlichen knapp 30% in Geldmarkt-ETFs, mit dem klaren Ziel, damit später seine Rentenlücke zu schließen.


Seine Frage lautete:

Wie soll ich im Ruhestand verkaufen? Wann verkaufe ich was? Und in welcher Reihenfolge?


Die gute Nachricht vorweg: Die Antwort lässt sich in einer Regel zusammenfassen, die sich auf jedes Depot übertragen lässt, egal ob Sie wie der Leser 70/30 aufgestellt sind, zu 100% in Aktien(ETFs) stecken oder zusätzlich Gold, Anleihen oder Kryptowährungen halten.

Bevor ich Ihnen diese Regel erläutere, lohnt sich ein kurzer Blick darauf, warum ausgerechnet die ersten Jahre im Ruhestand wichtig für den Erfolg sind.



Die ersten Ruhestandsjahre sind entscheidend


Solange Sie anlegen, spielt es für Ihr Endergebnis kaum eine Rolle, in welchem Jahr die Kurse einbrechen. Sie kaufen ohnehin regelmäßig nach und profitieren von günstigeren Einstiegskursen. Sobald Sie jedoch beginnen, regelmäßig Geld zu entnehmen, ändert sich das.


Ein konkretes Beispiel: Stellen Sie sich ein Depot von 500.000 Euro vor, aus dem Sie jährlich 20.000 Euro entnehmen, also 4% des Depots. Fällt der Kurs kurz nach Ihrem Renteneintritt um 20%, ist Ihr Depot nur noch 400.000 Euro wert.

Um weiterhin 20.000 Euro zu entnehmen, müssen Sie nun 5% des Depots verkaufen statt 4% (das sind 25% mehr als vorher). Sie verkaufen also einen größeren Teil Ihrer Aktien, obwohl die Kurse gerade niedrig stehen. Diese verkauften Anteile fehlen Ihnen später, wenn sich der Markt wieder erholt.


Dies nennt man „Sequence-of-Returns-Risiko“: Zwei Anleger mit demselben Kapital und derselben durchschnittlichen Rendite über zehn oder mehr Jahre können am Ende sehr unterschiedlich dastehen, je nachdem, in welcher Reihenfolge die guten und schlechten Jahre kommen.

Die Konsequenz: Es reicht nicht aus, sich zu fragen, wie viel man jährlich entnehmen kann. Genauso wichtig ist die Frage, woraus Sie in einem schwachen Marktjahr entnehmen, damit Sie nicht ausgerechnet dann Aktien verkaufen müssen, wenn die Kurse am ungünstigsten stehen.



Die Lösung: ein Reservetopf mit einer einzigen Aufgabe


Genau deshalb ist die Aufteilung in Aktien (Rendite) und Geldmarkt (Sicherheit) keine Zufallsaufteilung, sondern 2 Töpfe mit jeweils einer klaren Aufgabe.

Der Aktienanteil soll Ihr Vermögen langfristig vermehren (Wachstumstopf).

Der Geldmarktanteil soll Ihre laufenden Ausgaben sichern, gerade dann, wenn die Aktienkurse niedrig stehen (Reservetopf).


Die Grundregel, die Sie sich merken sollten:


Historisch steigen Aktienmärkte in etwa 7 von 10 Jahren. Das heißt: In den meisten Jahren steigt Ihr Wachstumstopf über die von Ihnen festgelegte Zielquote hinaus (Bsp: 70%). Beim jährlichen Check-up verkaufen Sie dann einen Teil davon, um wieder zu Ihrer Zielquote zurückzukehren und Ihren Reservetopf für das kommende Jahr aufzufüllen.


Die Schutzfunktion des Reservetopfes zeigt sich nicht in guten, sondern in schlechten Jahren. Ist der Wachstumstopf gefallen oder bewegt er sich noch innerhalb der Ziel-Bandbreite, verkaufen Sie nichts und leben stattdessen von der bereits vorhandenen Reserve (Geldmarkt), bis sich die Kurse erholt haben.


Die Regel lautet also: Vermeiden Sie Aktien(ETFs) zu verkaufen, wenn die Kurse gerade deutlich gesunken sind.


Was tun, wenn Sie keinen Geldmarktanteil haben?


Nicht jeder Leser hat bereits einen Geldmarktanteil aufgebaut. Manche Anleger gehen mit einem Depot in den Ruhestand, das zu 100% oder nahezu 100% aus Aktien-ETFs besteht, weil das über Jahrzehnte hinweg die renditestärkste Strategie war.


Das ist beim Vermögensaufbau dann sinnvoll, wenn man noch andere sichere Einkommensquellen hat und zusätzliches Geld in den nächsten 3 bis 5 Jahren nicht braucht. Ansonsten empfiehlt es sich jedoch vor dem Übergang in die Entnahmephase einen Reservetopf aus dem bestehenden Depot herauszulösen, statt weiter zu 100% in Aktien(ETFs) zu bleiben.


In der Praxis hat sich eine Reserve von 3 bis 5 Jahresausgaben bewährt, unabhängig davon, wie hoch Ihre restliche Aktienquote danach ausfällt. Bei einem jährlichen Bedarf von 20.000 Euro entspricht das einer Umschichtung von 60.000 bis 100.000 Euro aus Aktien in den Geldmarkt, bevor Sie beginnen, regelmäßig zu entnehmen. Diese Umschichtung findet nur einmal statt, vor Beginn Ihres Ruhestands. Sie schützt Sie genau vor dem Sequence-of-Returns-Risiko aus dem Beispiel oben.


Was ist mit Gold, Anleihen oder Kryptowährungen?


Viele Depots bestehen nicht nur aus Aktien und Geldmarkt, sondern zusätzlich aus Gold, Anleihen-ETFs oder Kryptowährungen. Für die Entnahmeregel spielt das keine Rolle, solange Sie jeden Baustein nach einer einzigen Frage einordnen: Kann der Wert kurzfristig spürbar schwanken (Wachstumstopf), oder ist er stabil und jederzeit verfügbar (Reservetopf)?


Aktien, Gold, Kryptowährungen und lang laufende Anleihen können alle innerhalb weniger Monate deutlich an Wert verlieren, deshalb zählen sie für diese Regel alle zum Wachstumstopf, unabhängig davon, wie unterschiedlich sie sich sonst verhalten.


Geldmarkt, Tagesgeld und sehr kurz laufende Anleihen zählen zum Reservetopf, weil ihr Wert stabil bleibt und Sie jederzeit darauf zugreifen können.

Halten Sie beispielsweise 55% Aktien, 15% Anleihen, 5% Gold und 5% Kryptowährungen, dann behandeln Sie diese 80% zusammen als Ihren Wachstumstopf und die restlichen 20% Geldmarkt als Ihren Reservetopf. Darauf wenden Sie dann die Bandbreiten-Regel an, die ich Ihnen jetzt erläutere.



Die einfache Regel: Bandbreiten statt ständigem Nachdenken


Damit Sie nicht bei jeder Kursschwankung neu überlegen müssen, ob Sie umschichten sollen, legen Sie sich eine Bandbreite um Ihre ursprüngliche Aufteilung fest, zum Beispiel 65% bis 75%, wenn Ihre Zielquote 70% Wachstumstopf beträgt. Einmal im Jahr, zum Beispiel im Januar, prüfen Sie, wo Sie stehen, und handeln nach einer von 3 möglichen Situationen:


Nehmen wir das Depot von 500.000 Euro, aufgeteilt in 350.000 Euro Wachstumstopf und 150.000 Euro Reservetopf, exakt 70/30.


Situation 1. Bei der jährlichen Prüfung stellen Sie fest, dass der Wachstumstopf nach einem guten Börsenjahr auf 390.000 Euro gestiegen ist, während der Reservetopf durch die laufenden Entnahmen auf 130.000 Euro gesunken ist. Zusammen sind das 520.000 Euro, wovon 75% im Wachstumstopf liegen, also gerade noch innerhalb Ihrer Bandbreite von 65% bis 75%. Sie verkaufen nichts und entnehmen im neuen Jahr weiter aus dem Reservetopf.


Situation 2. In einem sehr guten Jahr fällt der Zuwachs deutlicher aus: Der Wachstumstopf ist auf 460.000 Euro gestiegen, der Reservetopf durch die Entnahmen auf 110.000 Euro gesunken. Zusammen sind das 570.000 Euro, wovon der Wachstumstopf rund 81% ausmacht, klar über der Bandbreite. Jetzt verkaufen Sie Anteile im Wert von rund 60.000 Euro aus dem Wachstumstopf und legen das Geld in den Reservetopf, damit Sie wieder bei rund 70% liegen.


Situation 3. Genau umgekehrt verhalten Sie sich in einem schlechten Jahr: Fällt der Wachstumstopf deutlich, sodass die Quote unter 65% rutscht, verkaufen Sie gar nichts. Sie entnehmen weiter aus dem Reservetopf und geben dem Wachstumstopf Zeit, sich zu erholen, auch wenn die Reserve dadurch schrumpft.


Der Vorteil dieser Regel: Sie müssen nicht raten, ob der Markt gerade günstig oder ungünstig steht. Die Bandbreite entscheidet automatisch für Sie, ganz ohne Bauchgefühl, und Sie greifen nur ein einziges Mal im Jahr überhaupt in Ihr Depot ein.


Welche Position verkaufen Sie konkret, wenn die Bandbreite verlassen wurde?


Der Wachstumstopf besteht bei den meisten Anlegern nicht aus einer einzigen Position, sondern aus mehreren ETFs, vielleicht sogar aus Aktien, Anleihen, Gold und Kryptowährungen gleichzeitig. Wenn die Bandbreite verlassen wurde, verkaufen Sie deshalb nicht wahllos etwas aus dem Wachstumstopf, sondern gezielt die Position, die den Wachstumstopf am stärksten hat wachsen lassen und dadurch selbst am stärksten übergewichtet ist.


Konkret: Nehmen wir an, Ihr Wachstumstopf von 460.000 Euro aus dem Beispiel oben setzt sich zusammen aus 360.000 Euro Aktien-ETFs, 40.000 Euro langlaufende Anleihen, 30.000 Euro Gold und 30.000 Euro Kryptowährungen.


Ursprünglich sollten die Aktien-ETFs etwa 70% des Wachstumstopfs ausmachen, machen jetzt aber mit 360.000 von 460.000 Euro rund 78% des Wachstumstopfs aus. In diesem Fall verkaufen Sie gezielt Aktien-ETFs, um wieder auf die ursprüngliche Verteilung innerhalb des Wachstumstopfs zu kommen, und lassen Anleihen, Gold und Kryptowährungen unangetastet.


Diese Logik gilt unabhängig davon, wie viele verschiedene Positionen Sie halten. Sie verkaufen immer aus der Anlageklasse, die relativ zu ihrem eigenen ursprünglichen Anteil am stärksten gewachsen ist, denn genau diese Position hat den Wachstumstopf über die Bandbreite hinaus wachsen lassen.


Halten Sie zusätzlich mehrere ETFs derselben Anlageklasse, zum Beispiel zwei verschiedene Aktien-ETFs, dann spielt es für die Entnahmestrategie keine große Rolle, welchen der beiden Sie verkaufen.


Halten Sie jedoch sowohl Positionen mit Gewinn als auch mit Verlust, lohnt sich ein Blick auf die Steuer: Verkaufen Sie nach Möglichkeit auch etwas von einer Position, die gerade im Minus steht, denn dieser Verlust lässt sich mit Gewinnen aus dem Verkauf anderer Positionen im selben Jahr steuerlich verrechnen. Innerhalb eines einzelnen ETFs können Sie wegen der FIFO-Regel zwar nicht auswählen, welche Anteile verkauft werden, wohl aber, welchen ETF oder welche Anlageklasse Sie insgesamt anfassen.


Abschließend dazu: verkomplizieren Sie das Ganze nicht. Versuchen Sie einfach die festgelegten Bandbreiten in etwa einzuhalten.  



Wie oft sollten Sie tatsächlich Geld entnehmen?


Eine monatliche Order in Ihrem Depot um Ihre laufenden Kosten zu decken ist unpraktisch und unnötig.


In der Praxis hat sich ein einfacherer Weg bewährt: Übertragen Sie ein bzw. zweimal im Jahr, Ihren gesamten Jahresbedarf bzw. den Bedarf für die nächsten 6 Monate aus dem Reservetopf auf Ihr Tagesgeldkonto. Von dort aus überweisen Sie sich anschließend jeden Monat automatisch den Betrag, den Sie für Ihre laufenden Ausgaben brauchen, so wie ein monatliches Gehalt.


Sie handeln also nur ein- oder zweimal im Jahr an der Börse und regeln die monatliche Auszahlung über einen Dauerauftrag von Ihrem eigenen Konto.


Etwas Flexibilität bei der Entnahmehöhe einbauen


Statt jedes Jahr denselben, um die Inflation erhöhten Betrag zu entnehmen, geben Sie sich selbst etwas Spielraum. In einem besonders schwachen Börsenjahr entnehmen Sie beispielsweise 3% weniger als im Vorjahr, indem Sie größere, aufschiebbare Ausgaben wie eine Urlaubsreise oder eine Renovierung einfach ins nächste Jahr verschieben. In einem besonders guten Jahr dürfen Sie sich dafür auch etwas mehr gönnen, üblicherweise bis zu 5% mehr als im Vorjahr. Diese kleine Flexibilität verringert die Wahrscheinlichkeit, dass ein Depot im Ruhestand vorzeitig aufgebraucht wird.


Ein letzter Punkt: die Steuer-Reihenfolge


Bei deutschen Wertpapierdepots gilt gesetzlich die sogenannte FIFO-Regel. Verkaufen Sie einen Teil Ihrer ETF-Anteile, gelten automatisch immer die zuerst gekauften Anteile als zuerst verkauft, unabhängig davon, welche Tranche Sie eigentlich veräußern möchten.

Gerade wenn Sie über viele Jahre regelmäßig investiert haben, werden dadurch zuerst die ältesten und oft günstigsten Anteile besteuert.

Werfen Sie deshalb vor dem ersten Verkauf einen Blick auf Ihre Einstandskurse, damit die Steuerlast Sie nicht überrascht.



Ihr Fahrplan für die Entnahmephase


Hier die gesamte Regel noch einmal zusammengefasst:


  1. Ermitteln Sie Ihren tatsächlichen jährlichen Bedarf nach Renten und sonstigen Einnahmen. Das ist Ihr Ausgangspunkt, nicht die Depotgröße.

  2. Haben Sie noch keinen Reservetopf, lösen Sie einmalig 3 bis 5 Jahresausgaben aus Ihrem Depot heraus und legen Sie das Geld in einen Geldmarkt ETF oder Tagesgeld an, bevor Sie mit den Entnahmen beginnen.

  3. Ordnen Sie jeden Baustein Ihres Depots ein: Aktien, Gold, Anleihen und Kryptowährungen zählen zum Wachstumstopf, nur Geldmarkt und Tagesgeld zum Reservetopf.

  4. Übertragen Sie ein- bzw. zweimal jährlich Ihren Jahresbedarf bzw. 6-Monatsbedarf aus dem Reservetopf auf Ihr Tagesgeldkonto und zahlen Sie sich davon monatlich einen festen Betrag aus, wie ein Gehalt.

  5. Prüfen Sie bei diesen Terminen wie es um Ihre Ziel-Bandbreite für den Wachstumstopf steht: Liegen Sie darüber, verkaufen Sie gezielt die Position, die am stärksten gewachsen und damit übergewichtet ist und füllen den Reservetopf auf. Liegen Sie darunter oder innerhalb der Bandbreite, verkaufen Sie nichts.

  6. Geben Sie sich selbst etwas Spielraum bei der Höhe, plus/minus 5% bzw. 3% gegenüber dem Vorjahr und denken Sie an die FIFO-Reihenfolge.

     

Rechnen Sie für Ihr eigenes Depot durch, wie viele Jahre Ihr Reservetopf bei Ihrem tatsächlichen jährlichen Bedarf abdeckt und legen Sie sich Ihre persönliche Bandbreite fest.

 
 
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