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Wenn Sie als Anleger wissen, was Sie tun...

20. Okt.
4 Min. Lesezeit

Viele Anleger haben im Laufe ihres Anlegerlebens eine Reihe von Dingen getan, die sie nicht noch einmal tun würden: 


Sie sind Risiken eingegangen, die sie nicht wirklich verstanden haben, sie sind der Wertentwicklung der Vergangenheit hinterhergelaufen wie ein Hund dem Stöckchen, sie haben ihre Gewinner zu früh verkauft und ihre Verlierer zu lange gehalten, sie haben Gebühren gezahlt in der Hoffnung auf etwas, das sich gar nicht kaufen lässt, und sie haben damit geprahlt, den Markt geschlagen zu haben, ohne ihre Rendite jemals gemessen zu haben.


Wer als Anleger wirklich weiß, was er tut, kann mehr Vermögen aufbauen, als er sich je erträumt hat. Wer nur glaubt, es zu wissen, verliert womöglich mehr, als er sich in seinen schlimmsten Albträumen vorstellen kann. 


Sich selbst etwas vorzumachen, kann am Ende teurer sein, als von anderen getäuscht zu werden.



Unglaublich, aber wahr: Wovon Ihre Risikobereitschaft abhängt


Dass wir uns bei Geldfragen so leicht etwas vormachen, liegt auch daran, dass unsere Risikobereitschaft von Dingen beeinflusst wird, die in keinem Anlageprospekt stehen. 


Wirtschaftswissenschaftler und Psychologen haben gezeigt, dass das Ausmaß an Risiko, das wir zu einem bestimmten Zeitpunkt einzugehen bereit sind, unter anderem davon abhängt, wie sich der Aktienmarkt und das eigene Depot zuletzt entwickelt haben. 


Die folgende Liste geht in ihren Grundzügen auf den Wirtschaftsjournalisten Jason Zweig und sein Buch „Your Money and Your Brain“ zurück.


Ihre Risikobereitschaft hängt demnach ab von:


  • der Entwicklung des Aktienmarkts in den letzten Wochen und Monaten

  • der Entwicklung Ihres eigenen Depots in letzter Zeit

  • der Frage, ob Sie allein oder als Teil einer Gruppe entscheiden (Stammtisch inklusive)

  • Ihrer Stimmung, ob glücklich, wütend, traurig oder ängstlich

  • dem Geld, das Ihnen zwischen 18 und 25 zur Verfügung stand

  • Ihrem Herkunftsland und Ihrer Kultur

  • der Frage, ob Aktienkurse zufällig auf die Ziffern 4, 8 oder 9 enden

  • der Herkunft des Geldes, das Sie investieren (Gehalt, Erbe oder Lottogewinn)

  • der Jahreszeit und der Tageszeit

  • der Qualität Ihres Schlafs

  • dem Abstand zur letzten Mahlzeit

  • dem Wetter, genauer gesagt der Frage, ob die Sonne scheint

  • der Frage, ob Sie kürzlich von einem Flugzeugabsturz gelesen haben

  • dem Ausgang des letzten Spiels Ihrer Lieblingsmannschaft


Was bedeutet das? Kein einziger dieser Punkte hat etwas mit dem Wert eines Unternehmens zu tun und trotzdem beeinflussen alle zusammen, wie mutig oder ängstlich Sie im Depot sind. 


Wer ohne Leitlinien und ohne klare Anlagestrategie anlegt, ist den ständig wechselnden Launen der Märkte und den eigenen schutzlos ausgeliefert.



Vier Regeln, die Ihr Depot von Ihrer Tagesform entkoppeln


Sie müssen weder zum Roboter werden noch Ihre Gefühle abschaffen. Was Sie aber tun müssen ist, die wichtigen Entscheidungen dann zu treffen, wenn Sie entspannt sind und diese dann in unruhigen Zeiten auszuführen.


1. Bauen Sie ein Portfolio, das zu Ihrem Leben passt


Ein Portfolio ist wie ein Fingerabdruck: Es passt zu Ihnen, aber nicht zu Ihrem Nachbarn oder Ihrem besten Freund. 


Maßgeblich sind Ihr Einkommen, Ihre Ausgaben, laufende Darlehen, anstehende Anschaffungen und der Zeitpunkt, zu dem Sie das Geld brauchen. 

Eine praktische Kontrollfrage ist die Rechnung in Euro statt in Prozent: Bei einem Depot von 500.000 Euro bedeutet ein Rückgang um 15% einen Buchverlust von 75.000 Euro. 


Überlegen Sie heute, nicht mitten im Crash, ob Sie diese Zahl auf Ihrem Depotauszug aushalten und trotzdem schlafen können. Falls nicht, ist die Aktienquote zu hoch.



2. Schreiben Sie Ihre Regeln auf, solange die Sonne scheint


Halten Sie schriftlich fest, wie hoch Ihre Zielquote für Aktien ist, in welcher Bandbreite sie schwanken darf und was Sie bei einem Kursrückgang von 20% oder 30% tun werden. 


Das verhindert zweierlei: dass Sie von Bord springen, sobald etwas Wasser ins Boot schwappt und dass Sie sich für unbesiegbar halten, nur weil es gerade gut läuft. 

Das ist wie beim Tennis: Drei Asse und eine perfekte Vorhand im letzten Tennismatch machen Sie so wenig zu Roger Federer, wie ein starkes Börsenjahr Sie zum Anlagegenie macht.


Das Aufschreiben der Regeln ist wichtig. Studien belegen, dass konkrete Wenn-dann-Pläne („Wenn der Markt um 20% fällt, dann tue ich X“) die Wahrscheinlichkeit der eigene Zielerreichung signifikant erhöhen.



3. Behandeln Sie Finanznachrichten als Unterhaltung


Die Finanzpresse lebt von Lesern und Klicks, und die Überschriften sind entsprechend gebaut. 


Angst und Gier verkaufen sich, die Schlagzeile „Anleger bleiben gelassen“ hat dagegen vermutlich noch nie jemand angeklickt. 


Reagieren Sie deshalb nicht mit Depotveränderungen auf Nachrichten, sondern betrachten Sie diese so, wie Sie einen guten Film betrachten: spannend, unterhaltsam und kein Handlungsauftrag.


Das gilt auch für den Bekannten, der Ihnen beim Grillen von seinen 100% in sechs Wochen erzählt. Hören Sie interessiert zu und gratulieren Sie ihm herzlich. 


Solche Ergebnisse gibt es nur mit extremem Risiko und das ist für den langfristigen Vermögensaufbau nicht Ihr Geschäftsmodell. Außerdem hat er neben dem großen Erfolg vermutlich auch einige üble Abstürze erlebt, von denen beim Grillen niemand erfährt.



4. Prüfen Sie Verlierer mit dem Neukauf-Test


Bleibt noch ein letzter Punkt: Verluste. Eine Einzelaktie, die deutlich im Minus liegt. Das übliche Anlegerverhalten ist, auf den Einstandskurs zu warten, um endlich ohne Verlust herauszukommen. 


Anleger verkaufen Gewinner schnell und halten Verlierer zu lange.


Ein Beispiel:


Sie haben eine Aktie für 10.000 Euro gekauft, heute ist sie 6.000 Euro wert (-40%). Um wieder bei 10.000 Euro zu landen, muss sie um 66,7% steigen.


Stellen Sie sich nun diese Frage: Angenommen, Sie hätten den heutigen Wert von 6.000 Euro in bar auf dem Konto. Würden Sie damit genau diese Aktie zu genau diesem Kurs kaufen? Lautet die Antwort „Nein“, verkaufen Sie sie.


Ein Verkauf mit Verlust fällt schwer, weil man sich einen Fehler eingestehen muss. Betrachten Sie ihn als Chance: Der Erlös steht für eine Anlage in einen Wert mit deutlich besserem Momentum oder einen breit gestreuten Index-ETF zur Verfügung. 


Zudem haben Sie die Chance die Diversifikation Ihres Portfolios zu erhöhen. Steuerlich kommt hinzu, dass Verluste aus Aktienverkäufen mit Gewinnen aus Aktienverkäufen verrechnet werden.



Nehmen Sie also folgendes mit: 


Anlagepsychologie bedeutet nicht, dass Sie Ihre Gefühle besiegen müssen. Das Wetter, ein Länderspiel oder die Schlagzeile des Tages werden Ihre Stimmung auch künftig beeinflussen. 


Entscheidend ist, dass Ihr Depot davon nichts mitbekommt, weil Sie die Regeln schon vorher festgelegt haben.

 
 
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