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Wann kaufen und verkaufen? Hier sind nützliche Signale.

  • 10. Juli
  • 5 Min. Lesezeit


Ich möchte gleich zu Beginn klarstellen: den perfekten Zeitpunkt gibt es nicht. Timing funktioniert nicht. 

 

Das ist keine Meinung, sondern einer der am robustesten belegten Befunde in der Finanzwissenschaft, bestätigt durch Jahrzehnte an Marktdaten und zahlreiche Studien, die alle zu demselben Ergebnis kommen. 

 

Anleger, die versuchen den Markt durch gezieltes Kaufen und Verkaufen zum vermeintlich richtigen Zeitpunkt zu schlagen, stehen langfristig schlechter dar als die, die einfach investiert bleiben.

 

Trotzdem gibt es Marktsignale, die auf günstige Transaktionszeitpunkte hindeuten können. Diese werde ich nach einem kurzen Exkurs beschreiben.



Exkurs: Was der S&P 500 über fast 100 Jahre lehrt

Schauen wir uns den größten Aktienmarkt der Welt an. Der S&P 500 umfasst die 500 größten profitablen US-Unternehmen und gilt als der maßgebliche Gradmesser für den amerikanischen Aktienmarkt. 

 

Seit 1928, also über nahezu 100 Jahre, hat er im Durchschnitt rund 10% pro Jahr zugelegt, was bedeutet, dass sich das investierte Kapital in diesem Zeitraum etwa alle sieben Jahre verdoppelt hat.

 

Aber diese 10% pro Jahr waren nie gleichmäßig verteilt. Wenn man alle Verlustjahre herausnimmt, hat der S&P 500 in Gewinnerjahren im Schnitt rund 21% pro Jahr zugelegt. In Verlustjahren dagegen betrug der durchschnittliche Rückgang rund 13%

 

Was hier entscheidend ist: Von 1928 bis 2025 hatte der S&P 500 72 Gewinnerjahre und nur 26 Verlustjahre. Das entspricht 73% positiven Jahren, also fast drei von vier Jahren. 

 

Was das bedeutet, hat nichts mit Spekulation oder Prognosen zu tun. Wer langfristig investiert bleibt, lässt die Mehrheit der positiven Jahre für sich arbeiten. 

Wer dagegen versucht, die schlechten Jahre vorherzusagen und zwischenzeitlich aussteigt, riskiert, die besten Tage und Wochen zu verpassen, die erfahrungsgemäß genau dann kommen, wenn man es am wenigsten erwartet. 

 

Was das kostet, haben wir im vorherigen Newsletter am Beispiel der 10 besten Handelstage gesehen. 

 

 

Trotzdem: Gibt es Hinweise auf günstige Transaktionszeitpunkte?

 

Jetzt kommen wir zur eigentlich interessanten Frage: 

 

Wenn Timing nicht systematisch funktioniert, gibt es dann überhaupt sinnvolle Anhaltspunkte für den Zeitpunkt einer Transaktion bei Einzelwerten? 

 

Die Antwort ist: ja, aber nur als Signal.

 

Langfristiger Vermögensaufbau lässt sich aus mehreren Gründen mit Einzelwerten nicht so zuverlässig erreichen wie mit einem breit gestreuten Index:

 

  • Erstens, weil das Timing-Problem bei Einzelwerten um ein Vielfaches größer ist als beim Gesamtmarkt. 



  • Zweitens, weil unvorhergesehene Ereignisse wie Gewinnwarnungen, Managementwechsel oder regulatorische Veränderungen den Kurs eines einzelnen Unternehmens über Nacht drastisch verändern können. 



  • Drittens, weil Emotionen und psychologische Fehler bei Einzelwerten stärker ins Gewicht fallen als bei einem Index. 

 

Selbst professionelle Fondsmanager, die mit modernsten Tools und Teams arbeiten, schlagen den Markt langfristig nicht.

 

Dennoch: 

Wenn Sie in Einzelwerte investieren oder das in Betracht ziehen, dann kann die sogenannte Chartanalyse zumindest einige strukturierte Hinweise darauf liefern, ob der Moment für einen Kauf oder Verkauf eher günstig oder eher unvorteilhaft erscheint. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

 

 

Was Chartanalyse ist und warum sie Hinweise liefern kann

 

Chartanalyse bedeutet, dass man den grafischen Kursverlauf einer Aktie untersucht, also Preisbewegungen und Handelsvolumen, um darin Muster, Trends und mögliche Wendepunkte zu erkennen. 

 

Sie beantwortet nicht die Frage, was eine Aktie wert ist, sondern die Frage, wie sich Angebot und Nachfrage am Markt gerade verhalten.

 

Die Grundannahme der Chartanalyse ist, dass alle verfügbaren Informationen sich bereits im Kurs widerspiegeln und dass sich Kursmuster historisch wiederholen, weil Menschen in ähnlichen Situationen ähnlich handeln. 

 

Es geht also um Marktpsychologie, die durch Angst und Gier angetrieben wird, und um kollektives Verhalten, das Muster hinterlässt.

 

Ein weiterer Grund, warum Chartanalyse überhaupt funktionieren kann, ist schlicht der, dass sehr viele Marktteilnehmer, sowohl Privatanleger als auch institutionelle Investoren, dieselben Signale beobachten und daraufhin handeln. 

 

Wenn Hunderttausende Anleger auf dieselbe Chartformation schauen und ähnliche Schlüsse ziehen, dann wird allein durch dieses kollektive Verhalten die Formation zur selbst erfüllenden Prophezeiung. Das macht Chartanalyse zu einem nützlichen Werkzeug, das man verstehen sollte.

 

 

Zwei Werkzeuge, die relevant und einfach zu nutzen sind

 

Es gibt in der Chartanalyse Dutzende von Indikatoren und Methoden, und viele Anleger machen den Fehler, möglichst viele gleichzeitig zu nutzen, bis der Chart so überladen ist, dass man nichts mehr sieht. 

 

Hier möchte ich auf nur zwei Grundwerkzeuge eingehen, die helfen, wesentlichen Signale zu lesen:

 

1. Unterstützung und Widerstand

 

Eine Unterstützungszone ist ein Bereich, bei dem der Kurs immer wieder nach oben gedreht hat, weil dort mehr Kaufinteresse als Verkaufsdruck herrschte. 

 

Eine Widerstandszone ist das Gegenteil: der Kurs ist dort wiederholt nach unten abgeprallt, weil Verkäufer das Feld übernommen haben.

 

Die Logik dahinter ist nicht magisch, sondern psychologisch nachvollziehbar: An bestimmten Preispunkten gibt es viele Anleger, die in der Vergangenheit zu genau diesem Preis gekauft oder verkauft haben und deshalb bei Rückkehr des Kurses zu diesem Niveau wieder aktiv werden. 

 

Unterstützungen können günstigere Einstiegspunkte markieren, Widerstände mögliche Gewinnmitnahmeniveaus

 

Wichtig zu verstehen ist, dass es sich um Zonen handelt, nicht um millimetergenaue Linien, und dass jede Zone durchbrochen werden kann.

 

2. Die gleitenden Durchschnitte, besonders die 50- und die 200-Tage-Linie

 

Ein gleitender Durchschnitt zeigt den Durchschnittskurs der vergangenen X Handelstage und glättet dadurch kurzfristige Schwankungen, sodass der zugrunde liegende Trend sichtbarer wird. 

 

Die 50-Tage-Linie zeigt den mittelfristigen Trend und reagiert relativ schnell auf Kursänderungen, während die 200-Tage-Linie den langfristigen Trend zeigt und deutlich träger reagiert.

 

Für Anleger sind zwei Dinge besonders relevant

 

Erstens, ob der Kurs ober- oder unterhalb dieser Linien notiert, weil das eine grobe Auskunft über die Trendrichtung gibt. 

 

Zweitens, ob sich die 50-Tage-Linie von unten nach oben über die 200-Tage-Linie schiebt, was als Golden Cross bezeichnet wird und als mögliches Kaufsignal gilt. 

Oder ob das Gegenteil passiert, nämlich dass die 50-Tage-Linie unter die 200-Tage-Linie fällt, was als Death Cross bekannt ist und auf eine mögliche Schwäche hinweist.

 

Das Ziel der Chartanalyse ist nicht, den perfekten Zeitpunkt zu finden, denn den gibt es nicht. Das Ziel ist, strukturell ungünstige Zeitpunkte zu meiden und bei günstigen Konstellationen mit einem informierten Blick zu handeln, statt aus dem Bauch heraus.

 

 

Ich habe für interessierte Leser einen kompakten Leitfaden zur Chartanalyse zusammengestellt, der sich auf die wichtigsten Konzepte fokussiert. Er ist für all die relevant ist, die sich tiefer mit dem Thema Aktien- und Chartanalyse beschäftigen möchten. 

 

Der Leitfaden enthält einen 7-Schritte-Analyseprozess inklusive der häufigsten Fehler, die Anleger machen.

 

Hier geht es zur Chartanalyse:

 

 

 

Mein Vorschlag: 

 

Nehmen Sie eine Aktie, die Sie gerade beobachten und schauen Sie sich den mehrmonatigen Chart an. 

 

Viele Anbieter von Finanzdaten (bspw. Onvista und Yahoo Finance) lassen Sie die 50 und 200 Tageslinien einfach in den Chart einblenden. Schauen Sie sich die Bereiche an, an denen der Kurs in der Vergangenheit mehrfach gedreht hat

 

Das allein liefert Ihnen schon einen strukturierten Blick auf mögliche günstige Transaktionszeitpunkte, der besser ist als ein reines Bauchgefühl.

 

Ob ein Kauf oder Verkauf am Ende richtig war, wissen Sie immer erst danach. 

 

Aber allein dadurch, dass Sie sich mit Aktien- und Chartanalyse beschäftigen, lernen Sie sehr viel über Bewertungen und wie die Finanzmärkte funktionieren.

 
 
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