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SpaceX, Micron & Co.: Was die aktuelle Kaufpanik über Anleger verrät

  • 19. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Erinnern Sie sich an das Gefühl im Frühjahr, als Halbleiter-Aktien Woche für Woche stiegen? Jeder sprach darüber. Jeder schien welche zu haben. Und wer noch keine besaß, fragte sich, ob er jetzt endlich zuschlagen sollte. 

 

Genau dieses Drängen, nicht den Anschluss zu verpassen, ist in diesem Sommer zur teuersten Entscheidung vieler Anleger geworden. Die Halbleiter und SpaceX liefern gerade die Lehrstunde, die jeder Anleger irgendwann braucht. Nur eben schmerzhaft für die, die zu spät gekommen sind.

 

 

Was gerade bei den Speicherchip-Aktien passiert


Die Halbleiter-Branche ist die wohl deutlichste Warnung. Der PHLX Semiconductor Index (SOX) ist seit seinem Höchststand Ende Juni um rund 20% gefallen und steht damit an der Schwelle zum Bärenmarkt. 

 

Der mediane Halbleiterwert notiert bereits 22% unter seinem Jahreshoch. Micron steckt in einem signifikanten Abwärtstrend, Western Digital und SanDisk haben jeweils über 40% von ihren Spitzenwerten verloren

 

Das sind exakt die Glamour-Aktien, die jeder unbedingt haben wollte. Wer im Juni am Höhepunkt gekauft hat, weil er es nicht länger ertragen hat, anderen beim Aufstieg zuzusehen, sitzt jetzt auf erheblichen Verlusten

 

Wer diese Aktien schon lange hält, liegt trotz der Rückschläge weiterhin deutlich im Plus. Wie viele Anleger tatsächlich erst im Juni zugegriffen haben, lässt sich im Nachhinein nur erahnen. Ich fürchte aber, es war eine nicht unerhebliche Zahl.

 

Nicht die Angst vor Verlusten kostet die meisten Anleger langfristig am meisten Geld, sondern die Angst, etwas zu verpassen (auf Englisch: "Fear of missing out" = FOMO).

 

Das nächste Beispiel illustriert einen weiteren Fall, der zeigt, wie teuer dieses Gefühl werden kann, wenn es zur Kaufentscheidung führt.

 

 

Fallbeispiel SpaceX: Vom größten Börsengang der Geschichte zum Lockup-Test

 

SpaceX ist das zweite Beispiel für Gier, die Anlegern in die Quere gekommen ist. 

 

Ich spreche regelmäßig mit Portfoliomanagern, Investoren und Finanzberatern und habe Geschichten gehört, die man kaum glauben mag. Investoren haben Hunderttausende von einer Bank zur anderen verschoben, nur weil ein Broker ihnen eine Zuteilung beim SpaceX-Börsengang versprochen hat.

 

SpaceX kam Mitte Juni an die Börse. 

Der Ausgabepreis lag bei 135 Dollar pro Aktie. Das war eine Zahl, die Elon Musk vorgegeben hat, ohne dass sie einer fundierten Bewertung entsprochen hätte. Willkommen in der "Elon Welt". 

 

Goldman Sachs, Morgan Stanley und rund vierzig weitere Banken haben zugestimmt. Für die Banken war es eines der lukrativsten Geschäfte der Wall-Street-Geschichte. 

 

Für die Anleger, die alles daransetzten, um dabei zu sein, sieht es heute deutlich schlechter aus.

Die Aktie hatte zwischenzeitlich fast 225 Dollar erreicht. Seit diesem Hoch hat SpaceX über eine Billion Dollar an Marktkapitalisierung verloren. 

 

Am vergangenen Freitag schloss sie auf einem neuen Tiefstand bei knapp 124 Dollar, zehn Punkte unter dem Ausgabekurs. Wer für 200 Dollar gekauft hat, ist deutlich im Minus. 

 

Und das Schlimmste steht erst noch bevor.

SpaceX mag eine großartige Zukunft vor sich haben. Das bedeutet nicht, dass die Aktien zum Ausgabekurs eine gute Investition waren. Brillante Unternehmen und gute Investments sind zwei verschiedene Dinge, besonders wenn der Einstiegspreis von einer Person erfunden wurde.

 

Die Lock-up-Fristen laufen ab. Nach dem Q2-Bericht, der für Ende Juli oder Anfang August erwartet wird, werden rund 911 Millionen Aktien frei. Das entspricht bei heutigem Kurs einem Gegenwert von etwa 123 Milliarden Dollar. 

 

Der frei handelbare Anteil der Aktien steigt damit von derzeit knapp 3% auf rund 12%. Das ist erst die erste Welle.

 

Weitere Tranchen zu je 7% werden zwischen dem 21. August und dem 25. Oktober in Abständen von zwei bis drei Wochen frei. Bis zum 8. Dezember läuft die 180-Tage-Sperre komplett ab. Danach sind rund 40% der Aktien frei handelbar

 

Die Verkäufer sind Mitarbeiter und frühe Investoren, die jahrelang gesperrt waren. Die Frage ist nicht, ob sie verkaufen. Die Frage ist nur, wie schnell.

 

Elon Musks rund 6,4 Milliarden Aktien sind davon ausgenommen. Sie liegen auf einer separaten 366-Tage-Sperre, die erst Mitte 2027 ausläuft. Musks Anteile bewegen sich bis dahin nicht. 

Die eigentliche große Verkaufswelle hat also noch gar nicht begonnen.

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Warum die Angst, etwas zu verpassen, teurer ist als die Angst vor Verlusten


Beide Beispiele folgen demselben Muster, das man in der Verhaltensökonomie "Herdenverhalten" oder im Englischen als FOMO bezeichnet: 

 

Ein Kurs steigt, die Berichterstattung darüber nimmt zu, immer mehr Anleger wollen dabei sein, und genau dieser Zustrom an spätem Kapital treibt den Kurs weiter, bis irgendein Auslöser (Konkurrentenmeldung, ein Zinsdatum, Gewinnmitnahmen etc.) die Bewegung umkehrt.

 

Das Tückische daran ist, dass dieses Verhalten sich im Moment des Kaufs richtig anfühlt. Niemand kauft eine bereits weit gelaufene Aktie, weil er einen Fehler machen möchte. 

 

Man kauft sie, weil die Story überzeugend klingt, weil alle darüber reden und weil das Gefühl, jetzt nicht dabei zu sein, unangenehmer ist als das Risiko, das man eigentlich eingeht.

 

Genau das ist auch der Kern der Philosophie meines Newsletters

 

An der Börse gewinnt man selten dadurch, dass man die nächste große Chance findet. Man gewinnt dadurch, dass man die teuren, emotional getriebenen Fehler vermeidet, die die meisten Anleger machen. 

 

Wer weniger vermeidbare Fehler macht, liegt am Ende vorn, unabhängig davon, wie brillant die eigenen Einzelentscheidungen sind.

 

 

Was das für Ihre eigene Praxis bedeutet

 

Weder Micron noch SanDisk noch SpaceX sind per se schlechte Unternehmen. Das ist auch nicht der Punkt. Der Punkt ist die Frage, zu welchem Zeitpunkt und aus welchem Grund Sie eine Position eingehen.

 

Bevor Sie das nächste Mal eine Aktie kaufen, die gerade in aller Munde ist, helfen drei einfache Fragen:

 

Erstens: 

Rechtfertigen die fundamentalen Zahlen, also Gewinnwachstum, Marge und Bewertung im Verhältnis zueinander, den aktuellen Kurs oder rechtfertigt vor allem die Stimmung den Kurs (siehe Newsletter zur Aktienanalyse)?

 

Zweitens: 

Befindet sich der Kurs charttechnisch in einer stark überkauften, weit von seinen gleitenden Durchschnitten entfernten Verfassung oder in der Nähe einer sinnvollen Unterstützungszone (siehe Newsletter zur Chartanalyse)?

 

Drittens: 

Wäre diese Aktie für Sie auch dann interessant, wenn niemand sonst gerade darüber spricht? Wenn die ehrliche Antwort "Nein" lautet, ist das ein deutliches Warnsignal, dass FOMO und nicht Analyse die Kaufentscheidung treibt.

 

Die kommenden Wochen werden zeigen, wie es bei SpaceX weitergeht, sobald die ersten großen Aktienpakete aus der Haltefrist entlassen werden, und ob sich die Speicherchip-Branche nach den Kursrückgängen wieder stabilisiert. 

 

Für Ihre eigene Entscheidung sollte das aber zweitrangig sein. Entscheidend ist, ob Sie aus einer nachvollziehbaren, eigenen Überlegung heraus kaufen, oder weil Sie das Gefühl, etwas zu verpassen, gerade lauter ist als Ihre eigentliche Analyse.

 
 
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