Planbarkeit schlägt Rendite: Wie Sie Ihr Depot auf Entnahmen vorbereiten
- 29. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Sie wollen in wenigen Jahren auf Ihr Kapital zugreifen? Dann zählt Planbarkeit mehr als Rendite. Ich bekomme regelmäßig Zuschriften von Lesern, die fragen, ob ihr Depot richtig aufgestellt ist.
Diese Frage lässt sich nur dann beantworten, wenn ich die Lebenssituation und die Ziele des Anlegers kenne. Im Folgenden möchte ich auf zwei Situationen eingehen, die mir immer wieder begegnen und in denen Sie sich vielleicht wiederfinden.
Eine hohe Aktienquote ist kein Problem, wenn Sie das Geld nicht brauchen
Ein 72-jähriger Leser fragte, ob er mit fast 100% Aktienquote nicht zu offensiv aufgestellt sei. Seine gesetzliche Rente plus Mieteinnahmen würden seine monatlichen Ausgaben von 4.200 Euro decken. Das Depot habe er als Reserve für spätere Pflegekosten oder die Kinder aufgebaut. Dennoch fühlte er sich unsicher mit seinem Setup.
In seinem Fall besteht kein Handlungsbedarf. Sein Alltag ist durch laufende Einnahmen gesichert. Kurzfristige Schwankungen sind unangenehm, aber kein existenzielles Problem.
Sein größtes Risiko ist nicht die nächste Korrektur, sondern die Inflation über viele Jahre. Dafür ist eine hohe Aktienquote genau das richtige Mittel.
Eine Umschichtung ist notwendig, wenn Sie das Geld in den nächsten drei bis fünf Jahren brauchen
Ganz anders sieht die Situation einer 56-jährigen Leserin aus. Sie hatte über Jahre ein Depot von 300.000 Euro aufgebaut. Ein Weltmarkt ETF als Basis, dazu Europa und Schwellenländer sowie ein Technologie ETF und etwas Gold.
Die Aktienquote betrug ebenfalls fast 100%. Liquidität war kaum vorhanden, weil "Cash ja nichts bringt."
Das Problem ist nicht die Qualität der Anlagen. Das Setup ist für den reinen Vermögensaufbau hervorragend. Das Problem ist der Zeithorizont. Sie will in drei bis vier Jahren ihre Arbeitszeit reduzieren und dafür auf das Depot zugreifen.
Stellen Sie sich vor: Der Aktienmarkt fällt kurz vor der geplanten Arbeitszeitreduzierung um 30%. Aus 300.000 Euro werden 210.000 Euro. Wenn sie jetzt 54.000 Euro für die Übergangsphase braucht, muss sie zu einem Zeitpunkt verkaufen, den sie sich nicht ausgesucht hat.
Dann bleiben zwei Möglichkeiten: Anteile zu Tiefstkursen verkaufen oder den Plan verschieben. Beides ist keine Strategie, sondern Improvisation aus der Not heraus.
So sollte sie das Depot anpassen
Zuerst muss berechnet werden, welchen Betrag sie in der Übergangsphase tatsächlich benötigt. Bei einer geplanten Einkommensreduzierung von 1.500 Euro monatlich über drei Jahre wären das:
1.500 Euro × 36 Monate = 54.000 Euro
Diesen Betrag sollte sie von den Aktien ETFs in einen kurzlaufenden Anleihe ETF oder Geldmarkt ETF umschichten. Dieser Teil ist damit unabhängig von Börsenschwankungen und jederzeit verfügbar, egal wie die Märkte stehen.
Den Rest des Depots von rund 246.000 Euro, kann sie vollständig wachstumsorientiert in Aktien ETFs belassen. Hier hat sie Zeit, muss sich nicht vor Schwankungen fürchten und kann ihre Rendite maximieren.
Zusätzlich sollte sie einen klaren Entnahmeplan für die spätere Rentenphase festlegen. Wenn sie mit 67 in Rente geht und monatlich etwa 1.200 Euro aus dem Depot entnehmen muss, entspricht das 14.400 Euro im Jahr. Bei einer angenommenen Realrendite von 5% und der Absicht, das Kapital nicht anzugreifen, benötigt sie dafür langfristig ein Depotvermögen von etwa 288.000 Euro:
288.000 × 5% = 14.400 Euro pro Jahr
Mit dem aktuell verbleibenden Depotvermögen von 246.000 Euro und noch elf Jahren bis zur Rente ist das ein konservatives und planbares Ziel.
Sie könnte auch anders rechnen:
Gehen wir wieder von 5% Rendite über die nächsten 11 Jahre aus, dann wird ihr Depot auf 420.000 Euro anwachsen bis sie mit 67 in Rente geht. Das erlaubt ihr monatlich 1.750 Euro (21.000 jährlich) zu entnehmen ohne ihr Kapital aufzuzehren (420.000 x 5%). Das sind fast 50% mehr als sie braucht (1.200 Euro).
Der monatlich verfügbare Betrag könnte sogar auf 2.100 Euro steigen, wenn sie ihr Kapital in der Rentenphase aufzehren will und "nur" für 33 Jahre plant, d.h. bis sie 100 ist.
Es kann eine Vielzahl von Szenarien abgebildet werden, die immer von den Präferenzen und Zielen des Anlegers abhängen.
Allerdings gibt es hier eine wichtige Einschränkung, und das bringt uns wieder zurück zur Kernaussage dieses Newsletters:
Ist die Leserin im Ruhestand auf das Depot angewiesen sein, so sollte sie spätestens 3-5 Jahre vor der Rente eine Umschichtung eines Teils ihrer Aktien ETFs in Geldmarkt ETFs vornehmen, um nicht dem Risiko eines schwachen Aktienmarktes zu Beginn ihrer Rente ausgesetzt zu sein.
Dies wird aber zur Folge haben, dass die Rendite ihres Depot weniger als 5% betragen wird. Damit muss sie dann auch wieder den Entnahmeplan anpassen. Planbarkeit geht hier vor Rendite.
Was das für Sie bedeutet
Stellen Sie sich zwei einfache Fragen:
1. Welche Beträge möchte oder muss ich in den nächsten drei bis fünf Jahren aus meinem Vermögen entnehmen?
2. Ist genau dieser Teil heute so angelegt, dass er auch bei einem Rückgang am Aktienmarkt von 30 Prozent sicher zur Verfügung steht?
Der Betrag, den Sie kurzfristig brauchen, gehört nicht in den Aktienmarkt. Er gehört in kurzlaufende Anleihe ETFs oder Geldmarkt ETFs, weil Planbarkeit in diesem Zeitraum mehr wert ist als Rendite.
Alles andere darf weiter wachsen, egal ob Sie 45 oder 80 Jahre alt sind.