Ist diese Aktie teuer? So finden Sie es selbst heraus.
- 26. Juni
- 5 Min. Lesezeit

Vielleicht haben Sie es in den letzten Wochen auch verfolgt. Kaum ein Finanzmedium, das derzeit nicht über eine mögliche KI-Blase schreibt. Die einen warnen vor einem Crash, der an die Dotcom-Zeit erinnert. Die anderen sehen noch deutliches Potenzial nach oben.
Ein paar Zahlen, die gerade kursieren: Nvidia notiert aktuell bei einem KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis: dazu gleich mehr...) von rund 30, Palantir bei über 125 und Tesla sogar bei etwa 344. Der breite S&P 500 liegt im Vergleich bei etwa 28.
Manche Beobachter ziehen den Vergleich zur Dotcom-Ära, als Cisco und Oracle mit einem KGV von rund 90 gehandelt wurden, was deutlich weniger ist, als einige KI-Werte heute aufweisen.
Solche Schlagzeilen erzeugen Unsicherheit und helfen Ihnen nicht dabei, wenn Sie konkret vor der Frage stehen:
Ist genau diese eine Aktie, die ich kaufen will oder sich schon in meinem Depot befindet, fair bewertet, oder nicht?
Eine Bewertung sagt nichts darüber aus, wohin sich ein Kurs morgen oder nächsten Monat bewegt. Aber langfristig folgt der Aktienkurs den fundamentalen Daten eines Unternehmens. Genau deshalb lohnt sich der Blick auf die Bewertung, auch wenn sie kein Timing-Werkzeug ist.
Das wollen wir im Folgenden tun.
Am Ende des Beitrags finden Sie einen Link zum Leitfaden „Aktienanalyse“, den ich für Sie erstellt habe und der Ihnen zeigt, wie Sie in 8 Schritten eine Aktie bewerten können.
So bewerten Sie eine Aktie
Was Aktienanalyse bedeutet
Im Kern geht es immer um eine Frage: Ist der aktuelle Kurs einer Aktie im Verhältnis zum Unternehmen attraktiv, fair oder teuer? Dabei helfen zwei sich ergänzende Blöcke.
Die quantitative Analyse befasst sich mit harten Fakten: Zahlen, Kennzahlen, Wachstum, Profitabilität, Verschuldung und Bewertung.
Die qualitative Analyse untersucht weiche Faktoren: Wettbewerbsvorteile, Managementqualität, Marktstellung und Zukunftsfähigkeit.
Beide Blöcke zusammen ergeben ein vollständigeres Bild als jeder allein. Eine Aktie mit starken Zahlen, aber einem schwachen Geschäftsmodell, ist genauso riskant wie eine Aktie mit guter Story, aber schwachen Fundamentaldaten.
Schauen wir uns zunächst die quantitative Seite genauer an.
Drei quantitative Kennzahlen, die Sie kennen sollten
1. Das KGV, vergangen und erwartet
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis setzt den aktuellen Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie, wobei es zwei Varianten gibt, die Sie unterscheiden sollten: Das vergangene KGV basiert auf dem tatsächlich erzielten Gewinn der letzten zwölf Monate, während das erwartete KGV auf den Gewinnschätzungen für die kommenden zwölf Monate beruht.
Konkretes Beispiel: Nvidia
Nehmen wir die Aktie, die in der aktuellen Debatte häufig genannt wird.
Nvidia wird aktuell zu einem Kurs von rund 195 US-Dollar gehandelt, und der Gewinn je Aktie der vergangenen zwölf Monate lag bei etwa 6,54 US-Dollar.
Teilt man den Kurs durch den Gewinn, also 195 geteilt durch 6,54, ergibt sich ein KGV von ungefähr 30.
Auf Basis der von Analysten erwarteten Gewinne für die kommenden zwölf Monate sinkt dieses KGV deutlich (auf 22), weil der Markt für Nvidia ein erhebliches Gewinnwachstum einpreist. Genau dieser Unterschied zwischen dem vergangenen und dem erwarteten KGV zeigt Ihnen, wie stark eine Bewertung von der Wachstumserwartung abhängt.
Ein niedriges KGV kann günstig sein, und ein hohes KGV kann teuer sein, aber keine dieser beiden Aussagen gilt automatisch, denn ein Tech-Unternehmen mit hohem und nachhaltigem Wachstum darf ein deutlich höheres KGV rechtfertigen als ein Versorger, der kaum wächst.
Genau das macht die aktuelle Debatte um Nvidia, Tesla und Palantir so unterschiedlich zu bewerten, weil es am Ende darauf ankommt, ob das jeweilige Gewinnwachstum die verlangte Bewertung tatsächlich trägt, und damit sind wir direkt bei der nächsten Kennzahl.
2. Das Gewinnwachstum
Ein KGV ohne den Blick auf das Wachstum ist nur die halbe Geschichte. Steigt der Gewinn eines Unternehmens nachhaltig um 30% oder 40% pro Jahr, relativiert das ein auf den ersten Blick hohes KGV erheblich, während ein stagnierender Gewinn selbst ein moderates KGV schnell fragwürdig erscheinen lässt.
Bei Nvidia lag das Gewinnwachstum im jüngsten Quartal bei rund 210% gegenüber dem Vorjahr, getragen vor allem durch die Nachfrage nach KI-Rechenzentren.
Ein solches Wachstumstempo erklärt zumindest teilweise, warum der Markt bereit ist, ein KGV von 30 zu zahlen, das in einer wachstumsschwächeren Branche kaum zu rechtfertigen wäre.
3. Die Profitabilität
Wachstum allein genügt jedoch nicht, denn wichtig ist immer auch, ob sich bei diesem Wachstum am Ende auch die Gewinnmargen positiv entwickeln. Das zeigt die operative Marge, die misst, wie profitabel das Kerngeschäft eines Unternehmens tatsächlich arbeitet.
Ein Unternehmen, das zwar stark wächst, dessen Margen aber stark sinken, baut sein Geschäftsmodell im Zweifel auf dünnem Eis, ganz unabhängig davon, wie überzeugend die Wachstumsstory auf den ersten Blick wirkt.
Die qualitative Seite, also das, was Zahlen allein nicht zeigen
Selbst die überzeugendsten Kennzahlen sagen jedoch wenig aus, wenn das zugrunde liegende Geschäftsmodell nicht tragfähig ist.
Deshalb gehört zu jeder Analyse immer auch der Blick auf „weiche“, aber nicht weniger wichtige Faktoren, die sich nicht so einfach in eine Formel packen lassen wie ein KGV:
Wettbewerbsvorteile, also die Frage, ob es einen dauerhaften Schutz vor Konkurrenz gibt, etwa durch starke Marken, Netzwerkeffekte oder strukturelle Kostenvorteile.
Pricing Power, also die Fähigkeit, Preise zu erhöhen, ohne dadurch Kunden in größerem Umfang zu verlieren, was insbesondere in Inflationsphasen ein wichtiger Schutzmechanismus ist.
Managementqualität, also ob Kapital sinnvoll eingesetzt wird, ob die Kommunikation des Unternehmens glaubwürdig wirkt und ob Aktionäre durch übermäßige Verwässerung benachteiligt werden.
Markt- und Sektor-Stimmung, also ob das Unternehmen von einem strukturellen Rückenwind profitiert oder eher gegen einen branchenweiten Trend ankämpfen muss.
Innovationsfähigkeit, also ob sich das Unternehmen erfolgreich an neue Technologien und veränderte Kundenbedürfnisse anpassen kann.
Red Flags, also frühzeitig erkennbare Warnsignale, die das gesamte Geschäftsmodell mittelfristig gefährden könnten.
Genau an diesen Punkten entscheidet sich häufig, ob eine auf dem Papier teuer wirkende Aktie trotzdem gerechtfertigt ist, oder ob eine auf den ersten Blick günstig wirkende Aktie in Wahrheit bereits ein Warnsignal in sich trägt, das die Kennzahlen allein nicht zeigen würden.
Und was ist mit dem Kurschart? Ein Exkurs…
Neben der Aktienanalyse schauen viele Anleger zusätzlich auf den Chartverlauf einer Aktie, und deshalb lohnt sich an dieser Stelle ein kurzer Hinweis dazu, was diese Art der Analyse leisten kann und was sie ausdrücklich nicht leisten kann.
Chartanalyse ersetzt keine Fundamentalanalyse. Sie kann aber eine sinnvolle Ergänzung dazu sein, etwa um einen günstigeren Zeitpunkt für den Einstieg oder den Ausstieg zu finden, um den übergeordneten Trend einer Aktie besser einzuschätzen, oder um wichtige Kursmarken zu identifizieren, an denen der Preis in der Vergangenheit bereits gedreht hat.
Ein gutes Chartbild in Kombination mit starken Fundamentaldaten erhöht die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Investments, kann die fundamentale Bewertung als solche aber nicht ersetzen.
Warum das gerade jetzt besonders relevant ist
Die aktuelle Debatte um eine mögliche KI-Blase zeigt genau, warum sich dieses strukturierte Vorgehen lohnt. Bei einzelnen KI-Titeln werden derzeit Bewertungen verlangt, die sich nur dann als gerechtfertigt erweisen, wenn das aktuelle Wachstumstempo über mehrere Jahre auf einem außerordentlich hohen Niveau bestehen bleibt.
Ob das tatsächlich eintritt, weiß im Moment niemand. Deshalb hilft es, nicht auf Schlagworte wie Blase oder Jahrhundertchance zu vertrauen, sondern bei der Aktie, die Sie konkret interessiert, selbst nachzurechnen.
Ihr Werkzeug für die eigene Analyse
Damit Sie diese Fragen bei einer konkreten Aktie aus Ihrem eigenen Depot oder Ihrer Watchlist selbst durchgehen können, habe ich einen kompakten Leitfaden zusammengestellt.
Dieser führt Sie strukturiert durch alle wichtigen Kennzahlen, die qualitativen Faktoren, die Grundlagen der Chartanalyse sowie häufige Warnsignale, inklusive Richtwerten zur Einordnung und einem kurzen Glossar am Ende.
Den vollständigen Leitfaden „Grundlagen Aktienanalyse“ können Sie hier herunterladen:
Mein Vorschlag:
Nehmen Sie sich die nächste Aktie aus Ihrem Depot oder Ihrer Watchlist und gehen Sie die 8 Schritte aus dem Leitfaden einmal konkret durch (Daten zu Unternehmen finden Sie bspw. bei Onvista oder Yahoo Finance).
Sie werden vermutlich schneller eine klare Einschätzung haben, als Sie denken.
Ob eine Aktie am Ende teuer oder fair bewertet ist, entscheiden letztlich immer Sie selbst. Mit einem strukturierten Vorgehen treffen Sie diese Entscheidung aber informiert und nicht auf Basis der nächsten Schlagzeile, die Ihnen zufällig zugespielt wurde.


