Die Angst, den KI-Boom zu verpassen: Was Sie wissen sollten
- 28. Apr.
- 3 Min. Lesezeit

Jemand schrieb mir diese Woche eine E-Mail, die das aktuelle Dilemma vieler Anleger perfekt zusammenfasst.
Sie hält seit Jahren verschiedene, breit gestreute Aktien ETFs, hat konstant gespart und gut verdient. Jetzt schreibt sie: "Ich frage mich, ob ich nicht etwas komplett falsch mache, weil ich nicht viel mehr in KI-Aktien stecke. Überall lese ich von 200 Prozent Plus in wenigen Monaten. Mache ich einen Riesenfehler?"
Ähnliche Nachrichten bekomme ich derzeit regelmäßig. Der Tenor ist immer derselbe: Die Angst, den großen Boom zu verpassen. Wer nicht investiert ist, fühlt sich dumm. Wer schon investiert ist, fragt sich, ob er nicht alles auf eine Karte setzen sollte.
Über dieses Gefühl und die dahinterliegenden Zahlen schreibe ich heute.
Was gerade im KI- und Chipbereich passiert
Die Zahlen sind tatsächlich beeindruckend. Der PHLX Semiconductor Index, der die wichtigsten Halbleiterunternehmen abbildet, ist in den letzten zwölf Monaten um 150 Prozent gestiegen. Allein im vergangenen Monat legte er weitere 41 Prozent zu.
Ein neuer ETF, der sich ausschließlich auf diesen Sektor fokussiert, sammelte in nur zehn Tagen eine Milliarde Dollar an Anlegergeldern ein. Das sind keine Zeichen eines ruhigen, rationalen Marktes. Das sind Zeichen von Euphorie.
Kleine Siliziumchips stehen im Zentrum dieser Entwicklung, weil die Nachfrage nach Rechenleistung und Speicher für künstliche Intelligenz explodiert. Technische Analysten sprechen bereits von "parabolischen" Kursbewegungen.
Das bedeutet: Die Kurve wird immer steiler, fast senkrecht nach oben. Erfahrungsgemäß sind solche Phasen nie von Dauer. Wie die Analysten von BTIG es formulieren: "Parabeln enden immer auf dieselbe Art, mit einer ebenso schnellen Gegenbewegung."
Warum "günstige" Bewertungen hier täuschen
Viele Anleger schauen auf die Kurs-Gewinn-Verhältnisse und denken: "Die sehen gar nicht so teuer aus." Tatsächlich handeln Unternehmen wie Micron, Samsung oder SK Hynix trotz Kursanstiegen von 300 bis 3.000 Prozent im vergangenen Jahr noch mit einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnissen. Das klingt vernünftig, ist aber eine gefährliche Illusion.
Diese Bewertungen basieren auf Gewinnerwartungen, die historisch beispiellos sind. Analysten erwarten für Micron im nächsten Geschäftsjahr eine operative Marge von 78 Prozent. Der Durchschnitt der letzten 30 Jahre lag bei 4,5 Prozent.
Halbleitermärkte sind zyklisch. Die Gesetze der Ökonomie wurden auch im KI-Boom nicht außer Kraft gesetzt. Was heute nach einem Schnäppchen aussieht, kann morgen eine gefährliche Wette auf dauerhaft außergewöhnliche Gewinne sein.
Ein realistischerer Maßstab ist das Kurs-Umsatz-Verhältnis. Das Analysehaus Bespoke Investment Group führt eine sogenannte "Ludicrous List" (zu deutsch: „Die Lächerlich Liste“). Darauf stehen Aktien, die sich im letzten Jahr mindestens verdoppelt haben und mit dem Zehnfachen ihres Jahresumsatzes bewertet werden. Diese Liste ist heute so lang wie zuletzt auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase.
Was die Geschichte über solche Phasen lehrt
Die historischen Daten sind eine klare Warnung. Wer in den letzten 30 Jahren ausschließlich in die Aktien der "Ludicrous List" investiert hätte, hätte eine Gesamtrendite von weniger als 3 Prozent erzielt. Nicht pro Jahr, sondern insgesamt über drei Jahrzehnte. Wer stattdessen einfach einen breit gestreuten Russell 3000 Index gehalten hätte, hätte knapp 1600 Prozent Gesamtrendite eingefahren.
Das ist kein Argument gegen KI oder Halbleiter als Zukunftstechnologie. Es ist ein starkes Argument dafür, nicht gierig zu werden, wenn alle anderen es bereits sind. Die Summen, die gerade in KI-Infrastruktur fließen, sind beispiellos. Aber es gibt genug Präzedenzfälle dafür, was mit Aktiengruppen passiert, die sich so verhalten. Steile Anstiege enden fast immer mit ebenso steilen Rücksetzern.
Was das für Anleger bedeutet
Wenn Sie bereits KI-Aktien oder Halbleiter-ETFs im Depot haben und gut im Plus sind, überlegen Sie nüchtern:
Passt die Gewichtung noch zu Ihrer ursprünglichen Strategie? Wenn aus ursprünglich 5 Prozent Depotanteil inzwischen 20 Prozent geworden sind, kann es sinnvoll sein, einen Teil der Gewinne mitzunehmen. Das ist kein Market Timing, sondern schlichtes Risikomanagement.
Wenn Sie noch nicht investiert sind und jetzt einsteigen wollen, fragen Sie sich ehrlich: Tue ich das wegen einer durchdachten Analyse oder weil die Kurse in letzter Zeit so stark gestiegen sind? Der zweite Grund ist der teuerste Anlageberater der Welt.
Der Kern Ihres Portfolios gehört in breit gestreute Aktien ETFs. KI und Halbleiter können eine Ergänzung sein, aber niemals das Fundament.
In Phasen extremer Euphorie ist die beste Rendite oft die, keine teuren Fehler zu machen.


