Der Mann im grünen Bademantel: Warum 262 Millionen Dollar sich wie 5 Dollar anfühlen

Ein Leser schreibt:
„Mein Depot ist in den letzten zwei Jahren deutlich gestiegen, und ich liege inzwischen mit rund 120.000 Euro im Plus. Die Hälfte davon, also 60.000 Euro, möchte ich jetzt in gehebelte ETFs und Optionen investieren, um meinen Vermögensaufbau zu beschleunigen. Wenn es aufgeht, umso besser. Wenn nicht, habe ich ja nur einen Teil meiner Gewinne verloren und stehe immer noch besser da als vor zwei Jahren. Was halten Sie davon?“
Eine Geschichte, die in Las Vegas spielt, kann die beste Antwort darauf geben.
Die Legende vom Mann im grünen Bademantel
Ein frisch verheiratetes Paar verbringt seine Flitterwochen in Las Vegas. Vor der Reise haben die beiden eine klare Regel vereinbart: Sie spielen mit 1.000 Dollar, keinen Cent mehr. Am dritten Abend ist dieses Budget aufgebraucht und das Paar geht ernüchtert zu Bett.
Mitten in der Nacht bemerkt der Bräutigam einen schimmernden Gegenstand auf der Kommode. Es ist ein einzelner 5-Dollar-Chip, den die beiden als Andenken behalten hatten. Auf dem Chip scheint die Zahl 17 aufzuleuchten. Der Mann nimmt das als Zeichen, zieht seinen grünen Bademantel über und läuft hinunter ins Casino, wo er den Chip am Roulettetisch auf die 17 setzt.
Die Kugel fällt auf die 17. Bei einer Auszahlungsquote von 35 zu 1 werden aus 5 Dollar 175 Dollar. Er lässt den Gewinn stehen, wieder auf der 17 und wieder gewinnt er: 6.125 Dollar. Dann 214.375 Dollar. Dann rund 7,5 Millionen Dollar.
An diesem Punkt schreitet der Casino Boss ein. Sollte der Mann noch einmal gewinnen, könne das Casino die Summe schlicht nicht auszahlen. Statt das als Signal zum Aufhören zu verstehen, nimmt der Mann seine Millionen, steigt in ein Taxi und fährt zu einem größeren Casino am Strip.
Dort setzt er erneut alles auf die 17 und gewinnt ein weiteres Mal: gut 262 Millionen Dollar.
Er lässt das Geld für eine letzte Runde liegen. Die Kugel fällt auf die 18. Alles ist weg.
Ohne einen Dollar für die Rückfahrt läuft der Mann im grünen Bademantel den Weg zurück zu seinem Hotel.
Als er ins Zimmer kommt, fragt ihn seine Frau, wo er gewesen sei.
„Roulette spielen.“
„Und, wie ist es gelaufen?“
„Nicht schlecht. Ich habe fünf Dollar verloren.“
Was die Geschichte zeigt: Mental Accounting
Diese Geschichte ist eine Legende, denn kein Casino würde solch hohe Einsätze annehmen.
Trotzdem erzählen Verhaltensökonomen sie gern, weil sie einen Denkfehler auf die Spitze treibt: Der Mann hat nicht 5 Dollar verloren, sondern 262 Millionen.
In seinem Kopf lagen die Gewinne aber auf einem anderen „Konto“ als sein eigenes Geld und deshalb fühlte sich ihr Verlust nicht wie ein echter Verlust an.
Das beschreibt der Begriff Mental Accounting, also mentale Buchführung, den der Ökonom und spätere Nobelpreisträger Richard Thaler geprägt hat.
Wir sortieren Geld im Kopf in verschiedene Schubladen, je nachdem, woher es kommt und behandeln es dann unterschiedlich: Das hart verdiente Gehalt geben wir vorsichtig aus, die Steuerrückerstattung, den Bonus oder den Kursgewinn deutlich großzügiger.
Beim Investieren hat dieser Effekt einen eigenen Namen: den House Money Effect. Thaler und sein Kollege Eric Johnson haben 1990 gezeigt, dass Menschen nach einem Gewinn deutlich mehr Risiko eingehen, weil sie das gewonnene Geld unbewusst als „Geld der Bank“ betrachten und nicht als ihr eigenes.
Was das für den Leser bedeutet
Kommen wir damit zurück zu der Frage vom Anfang. Die 60.000 Euro fühlen sich für den Leser wie „Extra-Geld“ an, weil sie „nur“ aus Kursgewinnen stammen. Für seinen Kontostand macht das jedoch keinen Unterschied. Ein Gewinn aus dem Depot gehört ihm genauso wie jeder Euro, den er selbst eingezahlt hat.
Mentale Konten sind nicht grundsätzlich schlecht. Wer seinem Vermögen bewusst Töpfe mit klaren Aufgaben gibt, etwa einen Wachstumstopf und einen Reservetopf, nutzt denselben Mechanismus zu seinem Vorteil.
Entscheidend ist nur, dass die Aufgabe eines Euros bestimmt, wie viel Risiko Sie mit ihm eingehen, und nicht seine Herkunft.
Ich möchte Sie mit einem Zitat von Andre Kostolany verabschieden, das auch als Antwort auf die Leserfrage zu verstehen ist:
“I can't tell you how to get rich quickly. I can only tell you how to get poor quickly – by trying to get rich quickly.”


