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Das Warten auf den perfekten Einstieg

  • 16. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Der größte IPO der Geschichte, Space X, liegt hinter uns. Die Aktie steigt. Ein Friedensabkommen mit dem Iran ist greifbar. Die Märkte honorieren das mit deutlichen Kursanstiegen der größten Indizes. 


Und eine altbekannte Frage wird wieder gestellt: Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um in den Markt einzusteigen bzw. weiter zu investieren?


Falls Sie gerade Geld auf dem Konto haben, das eigentlich investiert werden sollte, dann kennen Sie wahrscheinlich auch das Zögern. Das Vorhaben, zu investieren, stand längst fest. Und trotzdem passiert erst einmal nichts, weil der Markt gerade so gut gelaufen ist und vielleicht bald eine Korrektur kommt. Und weil Sie lieber bei minus zehn Prozent einsteigen wollen. 


Das klingt vernünftig. Ich werde Ihnen hier zeigen, was Sie das Warten tatsächlich kostet.


Warum Cash sich sicherer anfühlt als es ist


Cash schwankt nicht. Das ist sein größter psychologischer Vorteil. Wer Geld auf dem Konto hält, sieht keine roten Zahlen. Das fühlt sich kontrolliert an.

Aber diese Kontrolle ist eine Illusion. 

Cash schützt Sie vor sichtbaren Verlusten aber nicht vor dem Schaden, der entsteht, wenn Märkte steigen und Sie nicht dabei sind. Dieser Schaden taucht in keiner Depotübersicht auf. Er ist trotzdem real, und er wächst mit jedem Monat Verzögerung.


Viele Anleger fürchten den sichtbaren Verlust nach dem Einstieg mehr als den unsichtbaren Verlust durch das Warten. 

Dabei ist der unsichtbare Verlust oft der größere wie wir gleich sehen werden.



Sofort investieren oder gestaffelt einsteigen?


Die häufigste Frage, die mir Leser stellen: 


Soll ich eine größere Summe sofort investieren, oder sie über mehrere Monate strecken?


Vanguard hat genau das untersucht: rollierende Einjahreszeiträume von 1926 bis 2022, drei Märkte (USA, Großbritannien, Australien), alle gängigen Portfolio-Mischungen. 


Das Ergebnis ist eindeutig: Die sofortige Investition war in rund 68 Prozent aller Fälle die bessere Entscheidung, über alle Märkte und Portfolio-Typen hinweg.


Vereinfacht gesagt: In etwa zwei von drei Fällen war es historisch besser, direkt investiert zu sein.


Der Grund ist schlicht. Märkte steigen langfristig häufiger, als sie fallen. In historisch etwa 70 bis 75 Prozent aller Jahresperioden verzeichnete der S&P 500 positive Renditen. Wer früher investiert ist, partizipiert länger daran. Wer wartet, lässt einen Teil davon liegen.



Zehn Tage, die Ihr Depot beinahe halbieren


Jetzt kommt der Befund, der Ihnen am klarsten vor Augen führen wird, was das Abwarten Sie kostet.


Putnam Investments hat 15 Jahre S&P 500 Daten ausgewertet (2006 bis 2021). Die durchschnittliche Jahresrendite in diesem Zeitraum betrug 7,7 Prozent. 

Was wäre passiert, wenn ein Anleger nur die zehn besten Handelstage verpasst hätte? Zehn Tage in 15 Jahren, also weniger als ein Tag pro Jahr.


Die Rendite wäre von 7,7 Prozent auf 2,96 Prozent pro Jahr gesunken. Fast eine Dreiteilung der Jahresrendite. Wohl gemerkt: nicht über 15 Jahre, sondern JEDES Jahr. 


JP Morgan hat dieselbe Analyse für den Zeitraum 2002 bis 2022 durchgeführt. Wer vollständig investiert blieb: 9,52 Prozent pro Jahr

Wer die 10 besten Tage verpasste: nur noch 5,33 Prozent

Bei 20 verpassten Tagen bereits 2,0 Prozent. 

Bei 30 Tagen war die Rendite annähernd null.


Und jetzt zu den konkreten Zahlen: Was das bei einem Startkapital von 100.000 Euro über längere Zeiträume bedeutet:


Nach 10 Jahren

248.000 € (9,5 % p.a.) - vollständig investiert

168.000 € (5,3 % p.a.) - 10 beste Tage verpasst

Differenz: 80.000 €


Nach 20 Jahren

614.000 € (9,5 % p.a.) - vollständig investiert

281.000 € (5,3 % p.a.) - 10 beste Tage verpasst

Differenz: 333.000 €


Nach 30 Jahren

1.522.000 € (9,5 % p.a.) - vollständig investiert

471.000 € (5,3 % p.a.) - 10 beste Tage verpasst

Differenz: 1.055.000 €



Und nun kommt ein Detail, das alles noch interessanter macht. Die besten Tage des Marktes liegen fast immer unmittelbar neben den schlechtesten


JP Morgan hat ermittelt, dass sieben der zehn besten Tage in den vergangenen 20 Jahren während eines Bärenmarkts stattfanden. Wer in Krisen aussteigt, verpasst fast zwangsläufig auch die Erholung.


Market Timing ist deshalb kein Schutz vor Verlusten. Es ist die zuverlässigste Methode, um Gewinne zu verpassen.



Wann ein gestaffelter Einstieg sinnvoll ist


Trotzdem gilt nicht, dass immer alles sofort angelegt werden muss. Wer eine große Summe auf einmal anlegt, muss damit leben können, dass der Markt danach fällt. Wer das emotional nicht aushält und beim ersten Rücksetzer verkauft, hat mehr Schaden angerichtet als ein gestaffelter Einstieg je hätte verursachen können.


Ein gestaffelter Einstieg kann deshalb aus Verhaltens–, und nicht aus Renditeüberlegungen, sinnvoll sein. Wollen Sie lieber gestaffelt über einen Zeitraum investieren, dann brauchen Sie aber einen klaren Plan

Wie viel soll sofort angelegt werden, wie viel monatlich, über welchen Zeitraum. 


Und dieser Plan muss durchgehalten werden, egal was die Börse macht. Wer nur die erste Rate investiert und dann wieder wartet, betreibt Market Timing unter anderem Namen aber mit denselben Konsequenzen wie oben beschrieben.



Was Sie jetzt konkret tun können


Schritt 1:  Schreiben Sie heute auf, wie viel Geld auf Ihren Konten liegt, das eigentlich investiert werden sollte. Nicht schätzen. Nachschauen.


Schritt 2:  Legen Sie jetzt, noch vor dem nächsten Börsentag fest: Wie viel investieren Sie in den nächsten sieben Tagen? 

Wenn Sie sich für einen gestaffelten Einstieg entscheiden, schreiben Sie auf: wie viel monatlich, über wie viele Monate. 

Dieser Plan gilt unabhängig davon, was der Markt in der Zwischenzeit tut.


Denken Sie daran: Es gibt keinen perfekten Einstieg. Das teuerste für Sie ist, nichts zu tun. Folgen Sie Ihrem Plan, damit Ihr Geld tatsächlich für Sie arbeitet.

 
 
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